Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 03.08.2019


Blick von außen

Viel Zeit bleibt nicht mehr: Das Klimafenster schließt sich bald

Noch kann sich der Mensch vor irreversiblen Schäden durch die Klimaerwärmung schützen. Viel Zeit bleibt aber nicht mehr, und inzwischen sind dazu auch große gesellschaftliche Veränderungen notwendig.

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Von Georg Kaser

Innsbruck – Seit rund 40 Jahren warnen Klimaforscher vor dem menschengemachten Klimawandel. Vor rund 30 Jahren hat er begonnen, seit rund zehn Jahren sind die Folgen zuerst vereinzelt, aber immer deutlicher und öfter spürbar. Seit wenigen Monaten ist er in den Köpfen der Menschen angekommen. Was ist im vergangenen Jahr passiert?

Erstens hat der Dürresommer 2018 viel mehr geschmerzt, als dies offiziell im wohlhabenden Mitteleuropa zugegeben wurde. Zweitens hat sich vor fast einem Jahr eine junge Frau vor das schwedische Parlament in Stockholm gesetzt. Auf ihrem Plakat stand „Schul­streik für das Klima“. Drittens wurde am 6. Oktober 2018 der 1,5°-C-Spezialbericht des Weltklimarats von 197 nationalen Regierungen angenommen und zwei Tage darauf der Weltöffentlichkeit vorgestellt. Und dann sind die „Fridays for Future“ ins Rollen gekommen. Abertausende junge Menschen haben plötzlich nicht nur verstanden, worum es geht, sondern begriffen, was der Klimawandel für ihre Zukunft bedeutet.

Zum 1,5°-C-Bericht: Im Dezember 2015 haben sich in Paris 197 nationale Regierungen nach zweiwöchigen Verhandlungen auf ein Abkommen geeinigt, das mit dem Artikel 2.1.a folgende Kernaussage enthält: Die globale Mitteltemperatur ist deutlich unter 2° C über dem vorindustriellen Niveau zu halten und es sind Anstrengungen zu unternehmen, den Temperaturanstieg auf 1,5° C gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen, anerkennend, dass dies die Risiken und Auswirkungen des Klimawandels signifikant reduzieren würde. In einem Zusatz zur Entscheidung, diese Übereinkunft anzunehmen, luden die Regierungen der Erde den so genannten Weltklimarat, das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), ein, im Jahr 2018 einen Spezialbericht vorzulegen, der sowohl die Auswirkungen einer globalen Erwärmung auf 1,5° C über dem vorindustriellen Niveau als auch mögliche Pfade der Emissionsreduktion von Treibhausgasen zur Erreichung dieses Ziels aufzeigt.

Die Sätze sind nicht nur auf Deutsch, sondern auch in der Verhandlungssprache Englisch umständlich und kompliziert. Vor allem der diplomatische Begriff „einladen“ bedarf einer Übersetzung in die Alltagssprache. Im Klartext hieß das, das IPCC wird beauftragt!

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- Uni Innsbruck

Nach der ersten Verhandlungswoche von Paris war plötzlich das +1,5°-C-Ziel auf dem Tisch. Vor allem die kleinen Inselstaaten hatten es gefordert, denen sehr bewusst ist, wie sehr ihre Existenz vom Meeresspiegelanstieg bedroht ist – die Ausdehnung des Meerwassers und das Schmelzen von Eis auf den Kontinenten werden noch lange anhaltend den Meeresspiegel steigen lassen. Im Laufe der zweiten Verhandlungswoche wurde das Ziel dann wieder zum bestehenden Artikel 2.1.a aufgeweicht. Als Zugeständnis vor allem an die Inselstaaten blieb die Beauftragung des IPCC mit dem Erstellen des Sonderberichts 1,5° C.

Ich hatte die Gelegenheit, die Entstehung des Klimaabkommens in Paris mitzuerleben. Inmitten von am Ende rund dreißigtausend jubelnden Menschen im Messegelände nördlich von Paris stand eine Handvoll IPCC-Autoren beisammen und war nachdenklich. Wir fühlten uns wie Spielverderber.

Unsere Sorge betraf den Auftrag, bis 2018 fachlich solide Auskunft darüber zu geben, was denn der Unterschied sei zwischen der damals bereits eingefahrenen Erwärmung des Globus, einer auf 1,5° C, und einer auf 2° C über dem vorindustriellen Wert, ob diese Ziele einzuhalten seien und wie das erreicht werden kann. Zum einen war die Gemeinschaft der Klimaforscher nach dem eben erst erstellten 5. Sachstandsbericht ausgelaugt. Es standen keine Berechnungen für +1,5°-C-Szenarien zur Verfügung, da dies bisher nie ein politisches Thema war. Und dann wussten wir, dass die Genauigkeit der Modellberechnungen zukünftiger Szenarien eine Unterscheidung in der Schärfe von halben Graden nicht zuließ.

Der Auftrag an die Forschergemeinschaft erfolgte dann im April 2016 und bis zur Fertigstellung und dem Durchlaufen von drei Begutachtungsprozessen blieben wenig mehr als zwei Jahre. Rund 90 Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt lieferten zeitgerecht. Die Szenarien waren neu gerechnet worden, die Aussagen konnten v. a. aufgrund neuer Erkenntnisse über den globalen Kohlenstoffkreislauf derart geschärft werden, dass die Unterscheidung von halben Graden und der entsprechenden Auswirkungen möglich wurde. Was steht im SR1.5, wie der Bericht offiziell genannt wird?

Erstens: Die Erwärmung ist 2018 bereits auf +1° C angestiegen. Dann: Die meist negativen Auswirkungen auf viele Systeme sind bereits erkenn- und messbar. Sie werden in einer +1,5°-C-Welt häufiger und ausgeprägter werden und bei +2° C deutlich dramatischer sein, inklusive einer Reihe irreversibler Systemänderungen. 60 Prozent der weltweiten Gletschermasse werden (verzögert) schmelzen, ein Großteil der pazifischen Inseln wird verloren gehen und weite Bereiche von vor allem tropischen Flussdeltas werden unbewohnbar werden, die mit steigendem CO2-Gehalt fortschreitende Versauerung der Meere wird zum fast gänzlichen Absterben von Warmwasserkorallen führen …

Aber auch: Mit den bis 2018 erfolgten Emissionen von Treibhausgasen, allen voran CO2, wird das Klimasystem die +1,5° C-Schwelle trotz verzögerter Vorgänge nicht überschreiten! Das Fenster ist noch offen, es ist noch nicht 5 nach, sondern 1 Minute vor 12 Uhr! Um allerdings die Erwärmung nicht über +1,5° C ansteigen zu lassen, müssen die CO2-Emissionen bis zum Jahr 2030 um 45 Prozent gegenüber 2010 gesenkt werden und 2050 Nettonull erreichen. Eine dann noch begrenzte Menge von CO2-Emissionen müsste durch so genannte negative Emissionen kompensiert werden. Vor allem großräumige Aufforstungen von weltweit brachliegenden Flächen sollten dabei helfen.

Um diese Ziele zu erreichen, haben die Autoren mehrere Verhaltenspfade aufgezeigt, die sich aus einer großen Zahl von „Bausteinen“ zusammenstellen lassen. Damit können sich unterschiedliche Staaten, Regionen, Gemeinden, Städte, Firmen etc. je nach Klimaregion, Entwicklungsstand, Wirtschafts- und Gesellschaftsformen selber den für sie besten Weg zusammenstellen.

Es ist aber auch sehr klar, dass jeder dieser Pfade große und schnelle (2030!; 2050!) gesellschaftliche Veränderungen verlangt. Und dann haben die Autoren noch aufgezeigt, wie sich das Beschreiten dieser Pfade mit dem Erreichen der globalen Nachhaltigkeitsziele (SDGs) verträgt. Natürlich wird es da zu Interessen- und Nutzungskonflikten kommen, aber in der großen Überzahl werden sich die beiden Ziele ergänzen.

Der SR1.5 ist ein relativ schmaler Band, aber der wohl wichtigste IPCC-Bericht, der je geschrieben wurde. Auch in Zukunft wird es keinen wichtigeren mehr geben. Da wird es uns entweder gelungen sein, die Forderungen des 1,5°-C-Berichts einzuhalten – oder der Klimawandel wird seinen Weg gehen.

Das momentane Emissionsverhalten schießt übrigens weit über +3° C hinaus. Ein entsprechender gesellschaftlicher Wandel hat schon begonnen, die Frage ist, ob ihn die Entscheidungsträger dieser Welt einigermaßen kontrolliert begleiten werden oder ob er uns ganz einfach überrollen wird.