Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 23.12.2018


Wetter

Im Winter plagt der Föhn mehr in den Bergen als im Tal

Der Föhn ist im Winter berüchtigt. Der Innsbrucker Föhnforscher Alexander Gohm im TT-Interview über den Schneefresser und seine Vorhersagbarkeit.

Wo sich beim warmen Westwetter weiße Weihnachten ausgehen, ist eine Zitterpartie. In Osttirol kann sich am Montag der Nordföhn bemerkbar machen.

© TT/Thomas BöhmWo sich beim warmen Westwetter weiße Weihnachten ausgehen, ist eine Zitterpartie. In Osttirol kann sich am Montag der Nordföhn bemerkbar machen.



Den einen beschert der Föhn Kopfweh, andere freuen sich über die Fernsicht. Was fasziniert Sie an dem Fallwind, der auch zu Weihnachten für Gesprächsstoff sorgt?

Alexander Gohm: Mich interessiert die Vielfältigkeit und Komplexität dieses Windes. Er ist im wahrsten Sinne des Wortes schwer zu fassen. Wir haben besonders in den letzten 20 Jahren viel über seine physikalischen Mechanismen gelernt (z. B. wissen wir nun, dass „Fallwind" keine passende Bezeichnung für Föhn ist), können ihn auf der Alpenskala viel besser vorhersagen als davor, wissen aber immer noch nicht genug über seine lokalen Eigenschaften und kleinräumigen Unterschiede.

In Ihrem Forschungsprojekt beschäftigen Sie sich mit Föhndurch- und -zusammenbruch.

Gohm: Föhndurch- und -zusammenbruch sind räumlich und zeitlich stark variabel. Es gibt Fälle, bei denen der Föhn im Osten von Innsbruck durchbricht und im Westen der Stadt erst drei Stunden später oder gar nicht. Das kann zu Temperaturunterschieden quer über die Stadt (d. h. über die Distanz von ca. 5 km) von bis zu 10 °C führen. Damit verbunden sind auch starke räumliche Unterschiede in der Windstärke. Unsere Vorhersagemodelle sind zwar deutlich besser geworden, können diese kleinräumigen Unterschiede aber noch nicht gut genug erfassen. Mit unserem Forschungsprojekt möchten wir das Prozessverständnis verbessern und somit hoffentlich auch die Vorhersagemodelle.

Welche Auswirkungen hat das bessere Wissen über den Föhn auf das tägliche Leben?

Gohm: Föhn beeinflusst das Leben auf unterschiedliche Art.

Drei Beispiele: Flugbetrieb, Luftqualität und sportliche Aktivitäten. Flugmeteorologen am Flughafen Innsbruck möchten sehr genau wissen, wann der Föhn durchbricht, da sich bei Föhndurchbruch die Windrichtung am Flughafen rapide ändert und dadurch die Anflugsrichtung geändert werden muss. Die Luftqualität kann sich bei Föhndurchbruch verbessern oder verschlechtern, je nach dem, welchen Stoff Sie betrachten: Feinstaub und Stickoxide werden aus der Talatmosphäre ausgeräumt, während Ozon von großer Höhe ins Tal transportiert werden kann. Organisatoren der Vierschanzentournee am Bergisel möchten sehr gerne wissen, ob der Föhn während des Bewerbes durchbricht oder nicht.

Klimawandel ist in aller Munde. Gibt es Abweichungen beim Föhn?

Gohm: Ich bin kein Klimatologe. Es gibt nur wenige Studien, die Veränderungen in der jährlichen Föhnhäufigkeit untersucht haben. In einer Studie für Föhn in der Schweiz wurde keine signifikante Änderung in den letzten 150 Jahren festgestellt. Ein Grund dafür ist die starke jährliche Schwankung der Föhnhäufigkeit, d.h. die starken Unterschiede in der Anzahl der Föhntage von einem Jahr zum anderen, die einem potenziellen Trend überlagert sind.

Der Föhn ist ein gefürchteter Schneefresser. Wie häufig tritt der Föhn im Winter wirklich auf?

Gohm: Vor Föhndurchbruch liegt oft ein Kaltluftsee im Tal. Diese kalte und schwere Luft kann man sich wie Wasser in einer Badewanne vorstellen, das ausgeleert werden muss, bevor sich die wärmere und leichtere Föhnluft im Tal etabliert. Wenn der warme Föhn diesen Kaltluftsee ausräumt, kommt es zu einem rapiden Temperaturanstieg. Im Winter kann sich der Kaltluftsee in den langen Nächten und aufgrund der schwachen Sonnenstrahlung untertags besonders stark ausbilden. Darum ist einerseits die Föhnhäufigkeit im Winter im Inntal im Vergleich zum Frühling und Herbst deutlich geringer, andererseits führt das zu einem besonders starken Temperaturanstieg, falls der Föhn im Winter doch bis zum Talboden durchdringen kann.

Einige Orte werden vom Föhn gebeutelt, schon um die Ecke ist der Föhn kaum zu spüren.

Gohm: In höher gelegenen und nach Süden ausgerichteten Tälern — so genannten Föhnschneisen — und am Berg ist die Föhnhäufigkeit auch im Winter deutlich höher als im tiefer gelegenen Inntal. Innsbruck liegt am Ausgang einer Föhnschneise (dem Wipptal) und weist darum eine höhere Föhnhäufigkeit auf als andere Gegenden im Inntal, bei denen ein entsprechendes Seitental mit Pass am Alpenhauptkamm fehlt.

Wenn der Föhn aus der Föhnschneise austritt, übers Quertal (z. B. das Inntal) bläst und dann auf das nächste Gebirge (z. B. die Nordkette) trifft, spaltet sich der Föhn in zwei Äste auf, d. h. aus dem Südwind wird ein lokaler Ost- und Westwind, manchmal sogar ein Nordwind. Hier kann man dann sehr wohl sagen, dass der Föhn um die Ecke bläst. Die Föhnwindrichtung wird somit stark von der lokalen Geländeform bestimmt.

Das Gespräch führte Sabine Strobl

Alexander Gohm vom Institut für Atmosphären- und Kryosphärenwissenschaften an der Uni Innsbruck untersucht in einem dreieinhalbjährigen Projekt den Föhn.
Alexander Gohm vom Institut für Atmosphären- und Kryosphärenwissenschaften an der Uni Innsbruck untersucht in einem dreieinhalbjährigen Projekt den Föhn.
- Uni Innsbruck