Letztes Update am Mo, 11.02.2019 17:29

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Gletscherforschung

Weltweite Gletschermasse laut Studie bislang deutlich überschätzt

Eine Untersuchung unter Beteiligung von Innsbrucker Forschern hat ergeben, dass vor allem das Gletschervolumen in Asien deutlich geringer ausfällt, als bisher angenommen.

Mit etwa 75.000 Kubikkilometern befindet sich fast die Hälfte des weltweiten Gletschereises (exklusive der Eisschilde der Antarktis und Grönlands) in der Arktis.

© iStockMit etwa 75.000 Kubikkilometern befindet sich fast die Hälfte des weltweiten Gletschereises (exklusive der Eisschilde der Antarktis und Grönlands) in der Arktis.



Innsbruck – Vor allem die Eismassen vieler asiatischer Gletscher wurden bisher deutlich überschätzt, so ein Ergebnis einer neuen Untersuchung mit Beteiligung von Innsbrucker Forschern. Während diese sogar rund 27 Prozent weniger Masse haben könnten als zuvor gedacht, dürften die bisherigen weltweiten Schätzungen um rund 18 Prozent zu hoch gewesen sein, heißt es im Fachblatt Nature Geoscience.

Das Wissenschafterteam aus der Schweiz, Deutschland, Indien und Österreich kombinierte für die neue Studie Berechnungen aus fünf Gletschermodellen. In ihrer Studie berücksichtigten sie über 215.000 Gletscher weltweit, abseits der großen Eisschilde Grönlands und in der Antarktis. Letztere verhalten sich anders als die deutlich kleineren Berggletscher, weshalb andere Modelle und Methoden zu deren Erforschung eingesetzt werden, sagte Fabien Maussion vom Institut für Atmosphären- und Kryosphärenwissenschaften der Universität Innsbruck zur APA.

Satellitendaten mittlerweile detaillierter

Vor allem die bisher offenbar überschätzten Süßwasserreserven im vermeintlich ewigen Eis Asiens werfen ein neues Licht auf einige Annahmen über die zukünftige Entwicklung angesichts der Klimaerwärmung. Denn das Gletscher-Gesamtvolumen der Erde beträgt laut der neuen Analyse, zu der Maussion und Kollegen eines der fünf verwendeten Computermodelle beigesteuert haben, nur rund 158.000 Kubikkilometer. Das seien ungefähr 18 Prozent weniger als das Mittel früherer Schätzungen. Der Grund für diese Diskrepanz ist vor allem, dass die Berechnungen nun auf detaillierteren Satellitendaten beruhen, so der Glaziologe Daniel Farinotti von der ETH Zürich.

Mit etwa 75.000 Kubikkilometern befindet sich fast die Hälfte des weltweiten Gletschereises (exklusive der Eisschilde der Antarktis und Grönlands) in der Arktis. Eines der wichtigsten Eis- und damit Süßwasserreservoirs der Welt liegt überdies im Himalaja, auf dem Tibetischen Plateau und in den Gebirgen Zentralasiens. Die dortigen Gletscher speisen wichtige Flusssysteme, in deren Einzugsgebiet Hunderte Millionen Menschen leben. Die neuen Berechnungen ergaben in dieser Region ein gesamtes Gletschervolumen von rund 7000 Kubikkilometern, was in etwa um ein Viertel unter dem zuvor angenommenen Wert liege. „Aufgrund dieser Neueinschätzung müssen wir davon ausgehen, dass die asiatischen Hochgebirge ihre Gletscher schneller verlieren können als bisher angenommen“, so Farinotti.

Wasserversorgung in Teilen Asiens früher in Gefahr

Konkret bedeute dies, dass Asiens Gletscher möglicherweise schon in den 2060er- und nicht erst in den 2070er-Jahren ungefähr zu ihrer halben Größe zusammengeschrumpft sein könnten. Das wiederum hätte deutliche Auswirkungen auf die Wasserversorgung der vielen Menschen in der Region. Um 2090 rechnen die Wissenschafter nun damit, dass aus diesen Gletschern bis zu 24 Prozent weniger Schmelzwasser in die Flüsse gelangen wird.

Insgesamt würde der Meeresspiegel um bis zu 32 Zentimeter ansteigen, wenn alle Berggletscher abschmelzen. Gebe es in den Alpen und Pyrenäen keine Gletscher mehr, ginge es um 0,3 Millimeter hinauf. Zum Vergleich: Schmilzt Grönlands Eisschild komplett, würden die Meere um rund sieben Meter ansteigen, wäre die Antarktis völlig eisfrei, wären es sogar um rund 60 Meter mehr. Momentan tragen die Berggletscher aber sehr viel zum Anstieg bei, „weil sie schneller reagieren als die großen Eisschilde“, sagte Maussion. Zwischen 1990 und 2010 stieg der Meeresspiegel aufgrund des Gebirgsgletscher-Schmelzwassers um ungefähr 1,5 Zentimeter.

Auch nach der neuen Untersuchung bleiben aber Fragezeichen, weil es zu vielen Gletschern kaum belastbare Eisdeckenmessungen gibt. Das gilt laut Maussion vor allem für die Gebiete Hochasiens. (APA/sda)