Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 07.03.2019


Natur

Kleine Blutsauger statt Kanüle

Im Alpenzoo kommen künftig kleine Raubwanzen zur Blutabnahme bei den Tieren zum Einsatz. Den Zoobewohnern bleibt damit der Stress durch Narkose und Spritzen erspart.

Die aus Südamerika stammende Raubwanze der Gattung Triatominae kann schmerzfrei Blut abzapfen und so Zoologen und Tierärzten behilflich sein.

© AlpenzooDie aus Südamerika stammende Raubwanze der Gattung Triatominae kann schmerzfrei Blut abzapfen und so Zoologen und Tierärzten behilflich sein.



Von Beate Troger

Innsbruck – In freier Wildbahn würden sich eine Tiroler Gämse und die südamerikanische Wanze der Gattung Triatominae nie begegnen. Doch nun bahnte sich kürzlich das kleine schwarze Insekt seinen Weg durch das dichte Winterfell der Alpenzoo-Gämse zur Haut. Das Tierchen dockte an und saugte Blut aus dem verletzten Zoobewohner. Alpenzoo-Direktor André Stadler hat die beiden Tiere nun sozusagen verkuppelt.

Diese unkonventionelle Methode zur Blutabnahme hatte Stadler bereits im Zuge seiner Doktorarbeit erforscht und in den vergangenen zwölf Jahren in rund 30 Tiergärten und zoologischen Instituten in ganz Europa standardmäßig etabliert. Jetzt sollen die parasitären Raubwanzen, die sich ausschließlich von Blut ernähren, auch im Alpenzoo zum Einsatz kommen: „Im Grunde jedes Mal, wenn wir Blut von fast allen Zootieren für eine Untersuchung benötigen“, kündigt Stadler im TT-Gespräch an.

An einer Gämse mit gebrochenem Bein hat Zoodirektor André Stadler die Blutabnahme mithilfe der Wanze im Alpenzoo demonstriert.
An einer Gämse mit gebrochenem Bein hat Zoodirektor André Stadler die Blutabnahme mithilfe der Wanze im Alpenzoo demonstriert.
- Alpenzoo

„Eine Blutabnahme setzt einen Zoobewohner immer massiv unter Stress, weil das Tier eingefangen, fixiert und narkotisiert werden muss“, erklärt er. Außerdem berge jede Betäubung auch ein gewisses Risiko, sodass Zooveterinäre oft zugunsten des Tierwohls gar nicht auf die Blutproben zugreifen könnten. Lasse man hingegen die Blutsauger andocken und zapfen, spüren das die betroffenen Tiere gar nicht. „Der Speichel der Wanzen enthält eine Art Lokalanästhetikum, das die Reizleitung unterbindet, außerdem ist der Saugrüssel wesentlich feiner als eine handelsübliche Kanüle“, weiß der promovierte Biologe, der seit Anfang 2018 das Kommando im größten Tiroler Zoo innehat. Um die 14 wichtigsten Parameter im Blut mithilfe der bis zu drei Zentimeter großen Parasiten zu ermitteln, reichen bereits 0,7 Milliliter gezapfter Lebenssaft und damit eine einzige Wanze aus.

An der jungen Alpenzoo-Gämse, die zum ersten Mal in Kontakt mit der südamerikanischen Raubwanze gekommen ist, demonstrierte Stadler die sanfte Methode erstmals in Innsbruck. Das Huftier hatte sich ein Bein gebrochen und musste für den Gipswechsel narkotisiert werden. „Der Tierarzt hat währenddessen ganz konventionell mit der Nadel an der Vene Blut abgenommen und gleichzeitig wurde die Wanze am Hals angelegt“, berichtet Zoodirektor Stadler.

Anschließend seien die Werte der beiden Blutproben verglichen worden, „und sie stimmten wie erwartet sehr gut überein“. Die einzige kleine Hürde bei dem Experiment stellte der dicke Winterpelz dar, durch den sich die tropische Wanze nur langsam durchkämpfen konnte. Derzeit leben bereits 40 Raubwanzen aus einer sterilen Laborzucht im Alpenzoo. Um den Zootieren künftig bei Blutabnahmen Stress und Risike­n zu ersparen, soll die Population laut Stadler weiter aufgestockt werden.

Vollkommen neu ist der Einsatz der Raubwanzen für die Blutdiagnostik jedoch nicht. „Bereits seit etwa 1930 setzt man diese Insekten in Brasilien zur Diagnose der Tropenkrankheit Chagas in der Humanmedizin ein“, führt Stadler aus. „Bestimmte Blutwerte können nur mithilfe der parasitären Raubwanzen ermittelt werden, weil diese gleichzeitig als Überträger fungieren“, erklärt er. Bis heute sei diese Methode in Südamerika gang und gäbe und könne auch in zahlreichen weiteren Bereichen am Menschen zur Anwendung kommen. „Die Blutabnahme mithilfe der Wanzen ließe sich etwa auch für Säuglinge und Kleinkinder anwenden“, erläutert Stadler.

Der Zoodirektor hatte erstmals mit Wanzen als Kanülen im Zuge einer Diplomarbeit experimentiert, für die er Stressmuster von Erdmännchen analysierte und dafür möglichst stressfreie Blutproben benötigte. Er weitete die Studien auf zahlreiche Wirbeltiere aus und konnte die Blutsauger zur Diagnostik etablieren. „Die Wanzen sind nun sozusagen auch mein Mitbringsel nach Innsbruck“, lacht der Alpenzoo-Direktor.

Er blickt auch zufrieden auf sein erstes Jahr in Tirol zurück. Das so genannte „Bärenmobil“, ein Fahrzeug, das Menschen mit eingeschränkter Mobilität die Zoogehege an den steilen Hanglagen zugänglich macht, werde gut angenommen. Außerdem wurde im Vorjahr im Vergleich zu 2017 ein Besucherplus von zwei Prozent auf 278.000 Gäste erzielt. Als nächstes großes Projekt steht bis Sommer unter anderem die Erweiterung der Geieranlage auf mehr als 1000 Quadratmeter an.