Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 05.07.2019


Bezirk Reutte

Lech-Renaturierung zerstört Naturidyll

Was ist ein See wert? Der idyllische Baggersee in Forchach jedenfalls weniger als der angrenzende Lech. Die schützenden Buhnen werden entfernt.

Der Lech wird den Forchacher Baggersee verschlingen.

© Der Lech wird den Forchacher Baggersee verschlingen.



Von Helmut Mittermayr

Forchach – Im Zuge mehrerer EU-Life-Renaturierungsprojekte wurde und wird dem Lech Platz zurückgegeben. Der Fluss soll wieder frei im Schotterbett mäandern können. Neben den flussökologischen Aspekten profitiert auch der Mensch – im Hochwasserfall steht mehr Retentionsfläche zur Verfügung.

In Forchach ist gerade wieder so ein Life-Projekt in Vorbereitung, im August wird nicht unweit unter der Johannesbrücke gestartet. Auf der östlichen Lechseite werden zwei Buhnen mit einer Länge von je 250 Metern herausgenommen. Diese rechtwinklig zum Lech errichteten Steindämme wurden dort zwischen 1948 und 1950 für den Uferschutz angelegt. Das Problem: Zwischen den Buhnen befindet sich ein großer, tiefblauer Baggersee – über die Jahrzehnte selbst zum Biotop geworden. Sobald die Buhne oberhalb des Baggersees fehlt, wird der Fluss zu graben beginnen. Die Tage des Kleinods, das Ende der 1980er-Jahre durch die Ausbaggerung eines schon bestehenden natürlichen, kleinen Sees entstanden ist, sind gezählt.

Eine Handvoll Weißenbacher will das so nicht gut sein lassen. Sogar ein kurzes Youtube-Filmchen (unter „Natura 2000 Sünde“ aufrufbar) wurde gedreht. Darin wird auf die „Kuriosität“ hingewiesen, dass ein Naturschutzvorhaben unter dem Namen „LIFE Nature Biodiversity Project“ einen See zum Verschwinden bringt – für die Filmemacher eine „Sünde im Natura 2000-Gebiet“. Der Weißenbacher Wolfgang Schweißgut hat Naturschutzlandesrätin Ingrid Felipe über diesen Sündenfall informiert. Er wundert sich, „dass die anderswo schützenswerte Alpensmaragd-Libelle oder Zwergrohrkolben-Vorkommen hier offensichtlich keine Rolle spielen“. Auch wenn dies nur ein Baggersee sei, habe ihn die Natur längst einverleibt, „und heute stellt er ein Juwel der Ruhe für lärmgeplagte Menschen dar, die an der Lechtaler Bundesstraße leben“, schließt Schweißgut. Eine Reaktion der Politikerin blieb bisher aus.

Außerferns Wasserbauchef Wolfgang Klien bestätigt die anstehenden Arbeiten. Für die ökologische Abwägung gebe es aber berufenere Fachleute als ihn. Ein altes Gerinne vom ehemaligen Natursee zum Lech werde wiederhergestellt. Klien glaubt nicht, dass der See über Nacht verschwinden wird, sondern der Vorgang Jahre dauern könnte.

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