Letztes Update am Do, 18.07.2019 16:17

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Klimaerwärmung

Ungewöhnlich heftig: Wälder in der Arktis in Flammen

Im hohen Norden wüten Waldbrände in einem Ausmaß, das es bisher so nicht gab. Schuld ist der Klimawandel mit ungewöhnlich heißen und trockenen Bedingungen. Er lässt außerdem die Gletscher schmelzen und den Meeresspiegel steigen.

Blick von oben auf die brennende Qeqqata Kommunia in Grönland.

© Screenshot/Twitter/CopernicusEMSBlick von oben auf die brennende Qeqqata Kommunia in Grönland.



Genf - Heftige Brände toben bereits seit Wochen in der Arktis. Derartige Feuer sind laut der Weltorganisation für Meteorologie der UNO (WMO) in der nördlichen Hemisphäre zwischen Mai und Oktober zwar nicht ungewöhnlich, in diesem Ausmaß aber bisher beispiellos.

Grund dafür sind die ungewöhnlich heißen und trockenen Bedingungen. Steigende Temperaturen und veränderte Niederschlagsmuster erhöhen den Klimawandel - das Risiko für Waldbrände steigt naturgemäß. Deren momentane Intensität und Dauer seien aber besonders ungewöhnlich, wie Klimaforscher Mark Parrington, Experte für Waldbrände beim Copernicus Atmosphere Monitoring Service (CAMS), betont. Seit Anfang Juni seien per CAMS mehr als 100 Waldbrände am Polarkreis registriert worden. Allein im Juni hätten diese Brände 50 Megatonnen Kohlendioxid (CO2) in die Atmosphäre abgegeben. Dies entspricht den jährlichen Gesamtemissionen Schwedens.

Am schlimmsten seien die Feuer in Alaska und Sibirien, schrieb die WMO in einer Aussendung. Einige der Brände wüten auf Flächen im Ausmaß von 100.000 Fußballfeldern. Alleine in Alaska wurden heuer fast 400 Waldbrände registriert - und jeden Tag entzünden sich neue Feuer. Wieviele tatsächlich momentan brennen, lasse sich gerade kaum abschätzen.

Juni-Temperatur zehn Grad höher als bisheriger Durchschnitt

Die durchschnittliche Juni-Temperatur in den Teilen Sibiriens, in denen Waldbrände toben, war fast zehn Grad höher als der Durchschnitt der Jahre 1981 bis 2010. Am 4. Juli 2019 erreichten die Temperaturen in Alaska Rekordhöchstwerte von bis zu 32 Grad. Dadurch entzündeten sich unter anderem entlang des Yukon entlang des Polarkreises zahlreiche Waldbrände. Zur etwa gleichen Zeit, Ende Juni, sorgte die Hitzewelle in Europa auch für Waldbrände in einer Reihe von Ländern wie Griechenland, Spanien oder Deutschland.

Generell erwärmt sich der nördliche Teil der Welt schneller als der gesamte Planet, hob die WMO hervor. Diese Hitze trocknet Wälder aus und macht sie anfälliger für Waldbrände. Einer kürzlich durchgeführten Studie zufolge brennen die borealen Wälder der Erde, also die Wälder der nördlichen Ökozone, derzeit mit einer Geschwindigkeit, die es seit mindestens 10.000 Jahren noch nicht gegeben habe.

Durch Verbrennung Schadstoffe freigesetzt

Neben der direkten Brandgefahr sind bei solch großen Bränden auch die durch die Verbrennung freigesetzten Schadstoffe sehr gefährlich. Partikel und giftige Gase wie Kohlenmonoxid oder Stickoxide können die Luftqualität noch in weit entfernten Regionen beeinträchtigen. Waldbrände setzen Kohlendioxid in die Atmosphäre frei und tragen wiederum zur globalen Erwärmung bei. Durch die brennenden Wälder rings um den nördlichen Polarkreis wurden nach vorläufigen Berechnungen der Copernicus-Forscher um Parrington allein von Anfang Juni bis Mitte Juli gut 80 Millionen Tonnen CO2 in die Atmosphäre geblasen. Das ist in etwa so viel, wie Österreich aktuell in einem ganzen Jahr emittiert.

Die arktische Umwelt ist besonders fragil und erwärmt sich wiederum auch durch die Schadstoffe schneller als die meisten anderen Regionen. Landen Rauchpartikel auf Schnee oder Eis, absorbiert der Untergrund das Sonnenlicht, das es sonst eigentlich reflektieren würde. Der Boden schmilzt also - eine weitere Form der Erwärmung in der Arktis. Brennen dort große Flächen, erhöht sich auch das Risiko eines weiteren Auftauens des Permafrostbodens, wobei Methan freigesetzt wird. Je wärmer und trockener die Arktis ist, schrieb dazu das Fachmagazin Spektrum der Wissenschaft, desto höher sei außerdem die Chance, dass die Torfschichten auf dem Permafrostboden selbst zu brennen beginnen und dabei ihren gespeicherten Kohlenstoff freisetzen. Allein der Torf der Arktis enthalte je nach Schätzungen zwischen 40 und 500 Milliarden Tonnen Kohlenstoff.

Rauchschwaden über Sacha im asiatischen Teil Russlands.
Rauchschwaden über Sacha im asiatischen Teil Russlands.
- Screenshot/Twitter/CopernicusEMS

Meeresspiegel steigt, Meer weltweit verändert

In der Arktis als "Hotspot des Klimawandels" gehen durch die steigenden Temperaturen auch die Gletscher zurück. Gleichzeitig schmilzt das Meereis. Forscher der Technischen Universität München (TUM) und der Technischen Universität Dänemark (DTU) entdeckten, dass der Meerespiegel nördlich von Grönland, Kanada und Alaska, innerhalb des sogenannten Beaufort-Wirbels, in 22 Jahren um mehr als zehn Zentimeter anstieg.

Die Wissenschafter hatten mit Hilfe eigens entwickelter Algorithmen 1,5 Milliarden Radarmessungen verschiedener Satelliten ausgewertet. Die Schwierigkeit der Radarmessungen aus dem All, speziell in der Arktis: "Radarsatelliten messen nur den Abstand zur Oberfläche. Weite Flächen der Arktis sind jedoch mit Eis bedeckt, welches das Meerwasser verdeckt", erklärte der TUM-Forscher Marcello Passaro. Seine Algorithmen identifizierten nun Echos des Wassers, wenn es bei Rissen im Eis erkennbar wurde. Ihre Studie im Fachblatt Remote Sensing Remote Sensing gebe den bisher vollständigsten und genauesten Überblick über Veränderungen des Meeresspiegels im Arktischen Ozean von 1996 bis 2018, hieß es.

Florian Seitz vom Deutschen Geodätischen Forschungsinstitut der TUM erklärt dazu: "Durch das schmelzende Meereis gelangen Milliarden Liter Schmelzwasser jedes Jahr in den Ozean." Die enormen Süßwassermengen lassen nicht nur den Meeresspiegel steigen, sondern können auch das weltweite System von Meeresströmungen und damit das Klima verändern.

Der Grund für den extremen Anstieg im Beaufort-Wirbel ist eine Kombination aus salzarmem Schmelzwasser, das sich dort sammelt, sowie einem steten Ostwind, der eine Durchmischung mit anderen Meeresströmungen und damit einen Ausgleich des Wasserspiegels verhindert. (APA/anl)