Letztes Update am So, 25.03.2012 10:39

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Natur

Die neue Liebe zur Weisheit

Von wegen verstaubt: Philosophiebücher sind Bestseller, ihre Autoren füllen Ver­an­stal­tungs­säle. Man spricht im Café über Kant und sucht philosophische Berater auf. Auch in Tirol.



Von Elke Ruß

Innsbruck – Plötzlich hat die Philosophie den Mief der Jahrhunderte abgeschüttelt: Die Bücher des deutschen Philosophen Richard David Precht (u. a. „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“, „Warum gibt es alles und nicht nichts?“) führen Hitlisten an. Der 48-jährige Feschak selbst ist als Experte für Weisheit gern gesehener Mitstreiter in Fernsehrunden. Der französische Philosoph Alain Badiou ist zwar ein alter Herr, trotzdem eilt das Publikum ins Burgtheater: Bei Badious bereits zweitem Gastspiel an der Burg pries er am Donnerstag die Liebe als Form des Widerstands.

Das Denken wird wieder in – und scheint‘s nicht nur, wenn es in vorgekauten Häppchen kommt: In Innsbruck strömten Donnerstagabend rund 50 Teilnehmer – von der Jungmama mit Säugling bis zum weißhaarigen Senioren – ins „Philosophische Café“ in der Kulturbackstube, um mit Uni-Professorin Paola-Ludovika Coriando metaphysische Fragen zu debattieren. „Gibt es einen Gott? Ist der Mensch frei? Sind wir unsterblich?“, lauten die drei größten, die Coriando eingangs umriss.

Längst haben die Antworten, die große Denker von Platon aufwärts im Lauf der Jahrtausende gaben, ihren Absolutsheitsanspruch verloren. Die jeweiligen Antworten haben aber unsere Wirklichkeit geprägt: Den Menschen in Körper und Geist zu trennen und „den Körper als Gegenstand zu betrachten, den man untersuchen kann“, habe die Medizin vorangebracht, „aber auch dazu geführt, dass Tiere wie Maschinen betrachtet werden“, erläuterte Coriando als Beispiel. Die Mitdiskutanten fanden teils ganz eigene Zugänge: Sie thematisierten etwa die Frage, was Neurologen und Genetiker vom freien Willen übrig lassen – und was für die Konzepte von Verantwortlichkeit und Strafe folgt.

Ein anderer Teilnehmer wollte wissen, ob Hightech-Entwicklungen von der Telekommunikation bis zur Astrophysik, die teils nur noch auf gar nicht mehr darstellbaren Berechnungen basieren würden, überhaupt noch Naturwissenschaft sind. Coriando: „Das Handy funktioniert. Das ist ein gutes Zeichen – dann ist es keine Metaphysik.“

Gerade bei Laien kämen „die richtig existenziellen Fragen“ auf, erklärt die Philosopieprofessorin im TT-Gespräch. Doch was steckt hinter der neuen Liebe zur Weisheit – eine Überforderung durch die Krise und immer komplexere Wirklichkeit? „Ich weiß nicht, ob das mit den schweren Zeiten zu tun hat, in denen wir leben. Aber jeder fragt sich einmal: Was ist der Sinn? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Früher war es ganz klar: Dafür ist die Kirche zuständig.“ Die Erkenntnis, dass es „Dinge gibt, die größer sind als wir“ und „dass uns die Erde nicht gehört“ könne zu neuer Bescheidenheit führen. Insofern könne die Philosophie „viel dazu beitragen, die Erde zu retten“.

Die Menschen suchen nach Orientierung und Begleitung: Das bestätigt der Innsbrucker Philosoph und Theologe Gerd Forcher. „Philosophie und Alltag“ ist sein Kursthema an der Volkshochschule. Unter dem Motto „Philosophie ist Leben“ stellten er und Partnerin Anja Stemme am Freitag in Innsbruck die „Philosophische Praxis“ vor. Forcher spricht vom „Versuch, wie Sokrates auf den Marktplatz zurückzugehen“. Angeboten würden auch Einzelberatungen, um „in einem Gespräch auf Augenhöhe den eigenen Werten und Menschenbildern auf die Spur zu kommen“. Als Zielgruppe sieht Forcher Fälle, in denen Supervision zu wenig, eine Psychotherapie aber zu viel wäre.

Die Weisheit geht sogar durch den Magen, wenn mit Rezepten großer Denker philosophisch gekocht wird. Nur an der Innsbrucker Uni scheint sie auf Diät zu sein: Seit dem Wintersemester 2009/10 sank die Zahl der Philosophiestudenten von 587 auf 551. Coriando bewertet es durchaus als westlichen „Luxus, Philosophie studieren zu dürfen“, nicht aber als brotloses oder akademisches Unterfangen. Speziell im Zweitfach: „Philosophen haben die Fähigkeit, große Zusammenhänge zu überblicken, schnell Dinge zu strukturieren und Prämissen abzuleiten. Viele Unternehmensberater setzen sie bevorzugt ein.“




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