Letztes Update am Di, 06.08.2013 06:20

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Natur

Die große bunte Welt Tiroler Souvenirs

Volkskundlicher Rundgang in Souvenirläden: sehen, staunen und zwei Fragen: Was ist Kitsch und was bitte „original tirolerisch“?



Von Michaela Spirk-Paulmichl

Innsbruck – „Wir sind alle nicht davor gefeit, Souvenirs zu kaufen“: Bei Petra Streng, Volkskundlerin aus Innsbruck, waren es die Totenköpfe aus Mexiko, ein Andenken ans dortige Allerheiligenbrauchtum. „Man will sich etwas erhalten, eine Erinnerung an eine schöne Zeit. Andere würden vielleicht Kitsch dazu sagen.“ In Tirol habe alles mit dem frühen Tourismus Ende des 19. Jahrhunderts begonnen, als sich die Urlauber etwa in Heimarbeit gestrickte Socken mit schönem Muster mit nach Hause nahmen.

Später kam die austauschbare Massenware und heute gehe, so die Volkskundlerin, der Trend wieder in Richtung Qualität: „Edler Schnaps, guter Speck oder Käse, und das darf dann auch etwas kosten.“ Etwas Schönes, Authentisches zu finden, sei aber nicht nur eine Sache des Preises. „Man muss auch suchen“, sagt die Volkskundlerin, bevor sie eine große Souvenirhandlung in der Herzog-Friedrich-Straße in der Innsbrucker Altstadt betritt. Besitzer Christian Pramstaller trägt Lederhosen – ganz so, wie es die Touristen gerne sehen. Doch er winkt ab: „Die trag’ ich auch privat, es gibt nichts Besseres bei der Hitze!“ Die Regale sind voll bis unter die Decke mit mehreren tausend kleinen, großen, billigen und auch teureren Stücken.

„Die meisten Kunden wollen nicht viel ausgeben“, sagt Pramstaller: Zehn Euro dürfen es sein, bei 20 bis 30 Euro muss die Sache schon eine Funktion haben, etwa als Uhr oder Tischwäsche. Bestickt mit Trachtenpärchen, machen die Textilien sogar etwa 30 Prozent seines Umsatzes aus. „Ich bin erschüttert, ich kann das nicht glauben“, meint die Volkskundlerin nur. Zuvor hatte sie Geschirrhandtücher oder Ähnliches noch als absolutes „No-go“ bezeichnet. Doch zumindest wird die Ware in Tirol hergestellt, wie der aus Osttirol stammende Eigentümer meint. Die Tiroler Hüte dagegen, die seien aus Salzburg und die beliebten kleinen Trachtenpuppen mit der, wie Petra Streng meint, „original ungarischen Tracht“, vermutlich aus Taiwan. Doch, ob Bierkrüge aus Deutschland, Mozartkugeln oder Schwarzwälder Kuckucksuhren – die teuersten um rund 600 Euro –: „Die Amerikaner oder Asiaten, die nach Innsbruck kommen, für die gehört alles zum alpenländischen Raum. Die machen da keine Unterschiede!“ Sie wären sogar enttäuscht, würden sie etwa keine Mozartkugeln bekommen. Gib den Menschen, was sie haben wollen. Aber auch jene, die nach „original Tirolerischem“ fragen, kann Pramstaller zufriedenstellen: Ihnen bietet er Schnaps aus Osttirol oder handgefertigte Krampusmasken an. Draußen vor der Tür fällt der Volkskundlerin noch ein rosa Kinderdirndl mit Schirm und Tasche im gleichen Farbton auf: „Abartig!“, so ihr Kommentar. Doch auch sie wolle den Touristen gar keine Schuld geben: „Die Souvenir-Industrie bedient Klischees, die wir selbst vermitteln.“

In einem kleinen Geschäft in der Hofgasse, wo atembetäubende Gewürzsträußchen auf die zahlreichen Käufer warten, stört sich Besitzerin Heidi Pirchl „an der Überheblichkeit der Tiroler, die über unsere Souvenirs die Nase rümpfen, aber selbst aus Afrika scheinbar echte Massai-Speere mitnehmen“. Die Urlauber würden sich ihre Klischees erfüllen und damit glücklich sein, „dagegen ist nichts zu sagen“, meint sie und nimmt von einer Dame ein Holzspielzeug entgegen. Es ist ein Elch.




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