Letztes Update am Mi, 04.09.2013 09:30

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Gletscher trotzten Hitze

Verschnaufpause für Eisriesen

Die Gletscher haben den Hitzesommer dank eines Neuschneepolsters aus dem Frühjahr relativ gut überstanden. Eine generelle Trendumkehr lässt sich daraus nicht ableiten.



Von Christoph Mair

Innsbruck – Von den Alpengletschern kamen in den letzten Jahren kaum gute Nachrichten. Die Eisriesen müssen schon über einen längeren Zeitraum teils dramatische Längen- und Massenverluste hinnehmen.

Doch gerade der zu Ende gehende Extremsommer mit heftigen Niederschlägen und anschließender Hitzewelle verschaffte den Eisriesen offenbar eine Verschnaufpause. „Die markanten Neuschneezuwächse von Mitte Mai bis Anfang Juni haben uns vor einem katastrophalen Gletscherjahr bewahrt“, zieht Alexander Radlherr, Meteorologe bei Ubimet, eine erste Bilanz. „Hätten wir diesen Schneepolster nicht gehabt, wären ähnliche Schmelzraten wie im Hitzejahr 2003 zu erwarten gewesen.“ Damals ging es den Gletschern stark an die Substanz.

Heuer bildeten die außergewöhnlichen Neuschneemengen das Gletschereis gegen das zu rasche Abschmelzen. Auch wenn die Gletscher wieder durch ein meteorologisches Wechselbad mussten. Mit einer durchschnittlichen Winterschneedecke gestartet, stand die Lage Anfang Mai durch Föhnwind und Saharastaub schlecht. Letzterer färbte die Schneeoberflächen schmutzig grau und verstärkte so die Schmelze. Entspannung brachte der Kälteeinbruch im Mai und Juni mit Schnee, der sich im Hochgebirge trotz der nachfolgenden Hitze lange halten konnte. Insgesamt sei die Situation der Gletscher derzeit als durchschnittlich und wenig kritisch einzustufen, sagt Radlherr.

Das bestätigt auch Andrea Fischer. Die Glaziologin führt für den Alpenverein die jährlichen Gletschermessungen durch. Der Neuschnee durch die Starkniederschläge habe z. B. am Jamtalferner in der Silvretta die Abschmelzung um drei bis vier Wochen nach hinten verschoben. Bereits ein Gewinn, wenn laut Fischer täglich rund zehn Zentimeter Gletschereis wortwörtlich den Bach hinuntergehen.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Noch allerdings ist die Gletscherbilanz nicht endgültig. „Wir müssen auf alle Fälle noch warten, wie der September verläuft“, sagt Fischer. Das Gletscherjahr läuft immer bis zum 1. Oktober, erst dann ist die Schmelze in aller Regel beendet. Doch schon jetzt rechnet die Gletscherforscherin, dass die Eisriesen heuer rund einen Meter weniger ihrer Dicke verloren haben dürften als im Vorjahr. Auch bei den Längenverlusten sehe es positiv aus, weil einige Gletscherzungen heuer gar nie ausgeapert seien. „Ich denke, dass es heuer einige Gletscher geben wird, die stationär bleiben, und auch größere nicht viel verloren haben“, rechnet Fischer. Allerdings sei ein einzelnes Jahr in der längerfristigen Betrachtung nicht besonders aussagekräftig, wenngleich der Schnee, der heuer liegen bleibe, auch die Ausgangssituation für die nächste Saison verbessere.

Der Einfluss des Menschen auf das Klima und damit die Gletscher ist übrigens kein ganz neues Phänomen, wie eine neue Untersuchung von Wissenschaftern aus Innsbruck und den USA zeigt. Sie haben den bisher rätselhaften Rückgang der Alpengletscher zwischen 1860 und 1930 untersucht und kommen zum Schluss, dass der massiv steigende Ausstoß von Ruß durch die Industrialisierung in Europa Grund für den Gletscherschwund war. Der Ruß lagerte sich auf den Gletschern ab und führte aufgrund der verstärkten Absorption von Sonnenlicht zur Eisschmelze, berichten die Forscher.