Letztes Update am Mi, 12.03.2014 14:11

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Lawinenabgang im Passeiertal

„Die Laane kimmt, Mama!“

Mit einem Film über eine gewaltige Lawine wurde ein Schlosser aus dem Passeiertal in Südtirol zum Youtube-Star. Welche Lawine danach über ihn hereinbrechen sollte, hat er sich allerdings nicht vorstellen können.



Es ist Donnerstag, der 6. Februar 2014. Thomas Ennemoser steht mit seinem Bruder am Dach eines Stadels, Schneeschöpfen ist angesagt, wie schon so oft in diesem Winter. Doch die Bewohner von Pill, einem Ortsteil von Moos in Passeier in Südtirol, sind das gewohnt. „Damit sind wir aufgewachsen“, spricht Ennemoser harte Winter auf diesem rauen Flecken Erde auf 1300 Meter Seehöhe an.

Doch plötzlich wird die Arbeit der Männer jäh unterbrochen. Und Sekunden später wird sich auch ihr gewohntes Leben verändern – zum Glück nur für kurze Zeit. Denn an jenem 6. Februar um 14.15 Uhr geht eine Lawine in der „Äußeren Grube“ ab. Ennemoser erkennt schnell, dass es diesmal eine ganz besondere Bedrohung ist. Zweimal in seinem bisherigen Leben hatte er schon über diesen Geländestrich Lawinen abgehen sehen, die bis zu den Häusern gingen.

Diesmal jedoch wirkt alles größer, unheimlicher. „Film, du Schwein“, hört man ihn schreien, als er zum Handy greift und den Film-Modus aktiviert. Mit dem Schimpfwort ist das Handy gemeint, wie Ennemoser später anmerken wird. Und dann sieht man zunächst nur noch weißen Staub, dann sich eine langsam zu Tal bewegende Schneewalze, umstürzende Bäume, Geröll. Die Bilder sind erschreckend faszinierend, ein Beispiel dafür, dass die Natur sich nicht immer zähmen lässt.

Faszinierend aber auch die Unterhaltung der zwei Brüder. Thomas Ennemoser kommentiert laufend das Geschehen, sein Bruder ruft über sein Handy die Mutter an, die sich im daneben liegenden Wohnhaus befindet. „Die Laane kimmt, Mama“, hört man ihn schreien. Und das alles in einem Dialekt, der später neben den Bildern die Menschen beschäftigen wird.

Stunden später ist die Familie Ennemoser wie weitere Bewohner von Pill wegen der Lawinengefahr mit dem Hubschrauber ausgeflogen worden. Dass Thomas Ennemoser einen Film über das Naturereignis gemacht hatte, spricht sich aber schnell herum. Jeder will die Bilder sehen und so geht der 42-jährige Schlosser mit der Zeit. „Ich habe noch um drei Uhr Früh den Film auf Youtube gestellt“, erzählt er. Innerhalb kurzer Zeit wird der Clip hunderttausendfach angeklickt, bislang wollten schon über 2 Millionen Menschen die Lawine in Moos sehen. „Nein, damit hätte ich niemals gerechnet“, ist Ennemoser über dieses Echo überrascht. Ebenso wie über die ganzen Interviewanfragen, mit denen er in der Folge konfrontiert ist.

Aber der Rummel interessiert ihn nicht, nur den heimischen Medien hätte er Rede und Antwort gestanden. Doch auf den Geschmack gekommen ist er, der Südtiroler Youtube-Star. Im Internet findet sich bereits ein neuer Clip von ihm über die Aufräumarbeiten in Pill. Rund 50.000 bis 100.000 Kubikmeter Schnee werden sich schon ins Tal gewälzt haben, schätzt Ennemoser, der inzwischen wieder zu Hause auf dem Beibachhof in Pill wohnt. Eine Kapelle wurde zerstört, auch eine alte Mühle, ein Wohnhaus teilweise beschädigt.

„Auf jeden Fall war das die schlimmste Lawine, die ich hier erlebt habe“, erzählt er. Wie durch ein Wunder seien keine Menschen dabei zu Schaden gekommen. Und so kann man den dramatischen Bildern doch noch etwas Heiteres abgewinnen. Wie dem Passeier Dialekt, der im Internet für viele Kommentare gesorgt hat. Und den sicher nicht jeder verstanden hat. Wie sonst ist es zu erklären, dass auf einer Homepage im Internet die Kommentare der Ennemoser-Brüder auf Englisch nachzulesen sind? „Ja, das ist schon zum Lachen“, sagt Thomas Ennemoser, der – wie bei diesem Gespräch zu erfahren war – allerdings auch schön Hochdeutsch sprechen kann. (Irene Rapp)




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