Letztes Update am Mi, 10.02.2016 13:54

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Zugunglück

Polizei durchsucht Fahrdienstleiter-Stellwerk in Bad Aibling

Hartnäckig halten sich die Berichte, dass ein Fehler des Fahrdienstleiters das schreckliche Zugunglück bei Bad Aibling ausgelöst haben könnte. Die Polizei weist dies noch vehement zurück.

Das Fahrdienstleiter-Stellwerk am Bahnhof von Bad Aibling:

© dpa/Uwe LeinDas Fahrdienstleiter-Stellwerk am Bahnhof von Bad Aibling:



Bad Aibling – Am Tag nach dem schweren Zugunglück mit zehn Toten und 80 Verletzten bei Bad Aibling dreht sich alles um eine Frage: Wie konnte es zu dem Unglück kommen? Schon am Dienstagabend berichteten mehrere Medien und die Deutsche-Nachrichtenagentur unter Berufung auf „zuverlässige Quellen“, menschliches Versagen habe den fatalen Zusammenstoß der beiden Regionalzüge auf der eingleisigen Strecke ausgelöst.

Die Hinweise auf ein Fehlverhalten des Fahrdienstleiters sollen sich angeblich verdichten. „Die Untersuchungen gehen in Richtung des Fahrdienstleiters“, sagte ein mit den Ermittlungen Vertrauter am Mittwoch der Nachrichtenagentur Reuters.

„Wir wehren uns vehement gegen dieses Gerücht“

Polizei und Staatsanwaltschaft wollten sich zum Stand der Ermittlungen nicht konkret äußern. Nur soviel: Nach ersten Vernehmungen ergab sich kein dringender Verdacht gegen den Fahrdienstleiter. „Wir wehren uns vehement gegen dieses Gerücht“, sagte Polizeisprecher Jürgen Thalmeier am Mittwoch direkt am Unglücksort. Ein Fehler oder ein Vergehen des Diensthabenden könne zwar auch nicht ausgeschlossen werden. Doch stünden die Ermittlungen erst am Anfang.

Der Fahrdienstleiter wurde bereits unmittelbar nach dem Zusammenstoß befragt. Daraus ergebe sich „noch kein dringender Tatverdacht“, betonte Thalmeier. Am Mittwoch ermittelten die Beamten auch im Stellwerk von Bad Aibling. Die Räumlichkeiten des Fahrdienstleiters wurden durchsucht, berichtete die Süddeutsche Zeitung.

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Am Mittwoch begannen die Bergungsarbeiten. Nach Einschätzung der Einsatzkräfte werden diese zwei Tage dauern.
Am Mittwoch begannen die Bergungsarbeiten. Nach Einschätzung der Einsatzkräfte werden diese zwei Tage dauern.
- Reuters/Lukas Barth

Wie Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) bekanntgab, arbeitet inzwischen eine 50-köpfige Sonderkommission der Kriminalpolizei an dem Fall. „Die Ermittlungen werden kompliziert, aufwändig und zeitraubend“, hieß es in einer Aussendung des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd am Mittwochnachmittag.

Nachdem die Toten und Verletzten sowie Streugut am Dienstag geborgen worden seien, stünde nun für Staatsanwaltschaft und Polizei die Sicherung von Beweismitteln sowie die rechtsmedizinische Untersuchung im Vordergrund. Nach und nach sollen auch alle Zeugen – insbesondere die Zuginsassen – einvernommen werden. Hinzu käme die Auswertung der Beweismittel durch Sachverständige. Bis auf Weiteres würden die Ermittler keine Angaben zur Unglücksursache machen, hieß es in der Aussendung.

Blackboxen könnten Aufschluss geben

Mit rund 100 Helfern und zwei Spezialkränen der Deutschen Bahn begann am Vormittag die Bergung der beiden Züge. Zunächst sollen Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks (THW) mit schwerem Schneidegerät versuchen, die Triebköpfe auseinanderzuschneiden. Danach sollen die Züge voneinander getrennt werden. Die Bergungsarbeiten werden nach Einschätzung der Einsatzkräfte zwei Tage dauern.

Blackbox bei der Bahn

Man kennt die Blackbox vor allem aus dem Luftverkehr, aber auch bei Eisenbahnen gibt es elektronische Fahrtenschreiber. Moderne Züge sind mit einer Datenspeicherkassette ausgerüstet. Das Gerät zeichnet die Geschwindigkeit, Zeit, Wegstrecke, die Befehle des Lokführers und die Eingriffe des automatischen Zugsteuerungssystems auf. Diese Blackbox wird in die Lok beziehungsweise das Triebfahrzeug des Zuges eingebaut.

Aufschlüsse erhoffen sich die Ermittler aus der Auswertung der Blackboxen. Zwei der drei Fahrtenschreiber, die sich an Bord der Züge befanden, wurden kurz nach der Kollision bereits geborgen. Die Suche nach der dritten lief auf Hochtouren. Der deutsche Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) rechnete damit, dass diese noch am Mittwochnachmittag geborgen werden könnte.

Ohne eine Analyse der Daten dieses Fahrtenschreibers, der ähnlich wie in Flugzeugen Informationen über das Fahrzeug sammelt, sei eine Klärung des Hergangs schwierig. Die erste Blackbox aus dem Zug, der von Kolbergmoos in Richtung Bad Aibling unterwegs war, sei bereits ausgewertet worden. Es gebe keine Hinweise auf einen technischen Fehler oder Fehler bei der Signalbedienung durch einen der Lokführer, sagte Dobrindt dem Sender n-tv vor einer Pressekonferenz. „Das sagt aber noch nichts darüber aus, was am Ende der Untersuchung stehen wird“, sagte Dobrindt.

Die beiden Lokführer der Regionalzüge kamen bei dem Unglück ums Leben. Nach Angaben der deutschen Lokführergesellschaft GDL wurden beide von je einem Lehrlokführer begleitet. Diese sind Ausbilder, einer besaß die Berechtigung, Prüfungen abzunehmen. (smo, dpa)