Letztes Update am Sa, 06.01.2018 15:01

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tirol

Enorme Lawinengefahr in Tirol, zweiter Toter in Kals geborgen

Experten raten an diesem Wochenende von Skitouren und Variantenfahrten im freien Gelände ab. Zwei Freunde aus Bayern starben in Osttirol unter einem Schneebrett, im Kühtai verschütteten Schneemassen Teile einer Skipiste. In Obernberg donnerte eine Lawine auf die Landesstraße.



Kals, Kühtai — Bergrettung und Alpinpolizei rüsten sich in ganz Tirol für den Ernstfall - es dürfte ein einsatzreiches Wochenende bevorstehen, denn die Lawinensituation ist mehr als angespannt. Laut Lawinenwarndienst Tirol herrscht in ganz Tirol die Warnstufe 3. Besondere Gefahr besteht durch Triebschnee in größeren Höhen. Je weiter man raufkommt, desto kräftiger weht der Wind und desto leichter lösen sich Triebschneepakete aus. Aber auch in niedrigeren Lagen besteht noch Gefahr, obwohl sich die Schneedecke mancherorts durch die fallenden Temperaturen gut stabilisiert hat. Immer wieder können daher auch auf steilen Wiesenhängen Schneebretter abgehen.

Einige Rodelgebiete haben am Freitag aufgrund der gefährlichen Lage wegen Lawinengefahr Sperren erlassen, die Abteilung Zivil- und Katastrophenschutz des Landes rät für das Wochenende dringend von Skitouren und Variantenfahrten ab. Gefährliche Bedingungen herrschen durch die großen Neuschneemengen vor allem in den Bezirken Reutte, Landeck und Imst. Experten rechneten sogar mit der Lawinenwarnstufe 4.


Steigende Lawinengefahr: Info-App

Aktuelle Infos rund um die Lawinenlage in Tirol gibt es in der Lawinen-App des Lawinenwarndienstes Tirol und der Tiroler Tageszeitung (kostenlos).

Hier die App „Lawine Tirol" downloaden:

Am ausgeprägtesten bleibt das Altschneeproblem in weiten Teilen Osttirols. Vor allem in höheren Lagen deuten Rissbildungen und Setzungsgeräusche auf eine Störanfälligkeit der Schneedecke hin. Unerfahrene Wintersportler sollen daher auf präparierten Pisten bleiben, im steilen Gelände ist Zurückhaltung geboten.

Lawinenabgänge in Kals, Kühtai und Obernberg

Erst am Freitag musste eine Gruppe Urlauber auf schmerzliche Weise erfahren, wie schnell es bei einem Lawinenabgang gehen kann: Während einer der drei Deutschen bei der Talstation in Kals am Großglockner auf seine Freunde wartete, waren diese gegen 13 Uhr im freien Skiraum unter ein riesiges Schneebrett geraten. Ein 25-Jähriger konnte am späten Nachmittag nur noch tot geborgen werden, sein 26-jähriger Freund wurde am Samstag bei widrigen Verhältnissen von den Einsatzkräften weiter unter den Schneemassen gesucht - auch er konnte am späten Vormittag nur noch tot geborgen werden. Seine Leiche lag rund einen Meter unter der Schneedecke. Laut Einsatzleiter war der 26-Jährige von dem Schneebrett in einen anderen Graben als sein 25-jähriger Freund gerissen worden. Beide Deutschen waren mit Lawinenpieps und Airbag ausgerüstet.

Auch im Kühtai ging am Freitag eine Lawine nieder. Zwei Personen wurden nach Angaben der Polizei von dem Schneebrett im Bereich Kaisergondelbahn teilverschüttet. Sie konnten unverletzt geborgen werden. Da nicht klar war, ob sich noch weitere Personen unter den Schneemassen befinden, wurde die Suche fortgesetzt. Rund 150 Personen — Bergretter, Skilehrer und Freiwillige — standen im Einsatz. Am Abend wurde die Suche abgebrochen.

In Obernberg verschüttete am Samstagnachmittag gegen 13.30 Uhr ein rund 30 Meter langes und zwei Meter hohes Schneebrett die L 231 zwischen Vinaders und Au. Bergrettung und Feuerwehr rückten an und sondierten die Lawine - es gab aber zum Glück keine Verschütteten. Die Landesstraße musste aber dennoch für rund eine Stunde gesperrt werden, ehe sie wieder befahrbar war. Laut Polizei wurde der Bereich um 14.34 Uhr wieder freigegeben.

Assistenzeinsatz des Bundesheeres

Für das Wochenende hat die Landesregierung beim Österreichischen Bundesheer um einen Assistenzeinsatz und die Bereitstellung eines Hubschraubers am Stützpunkt Vomp angesucht. Dadurch können die zivilen Einsatzkräfte unterstützt und Erkundungsflüge für die Lawinenkommission durchgeführt werden. Weitere Sperren von Forststraßen und Wander- oder Rodelwegen sind jederzeit möglich. Laut Rudi Mair vom Lawinenwarndienst bleibt die Lage bis Sonntag kritisch. "Triebschnee- und selbst ausgelöste Nassschneelawinen sind jederzeit möglich."

In Kals ging am Samstagvormittag die Suche nach dem zweiten Verschütteten weiter. Sein Freund, ein 25-jähriger Bayer, war wie berichtet, nach stundenlanger Suche tot geborgen worden. Die Suche nach dem zweiten Vermissten war in den Abendstunden abgebrochen worden, weil die Gefahr neuer Lawinenabgänge für die die Retter zu groß wurde. Am Samstag konnte auch er nur noch tot geborgen werden. Gegenüber der APA sprach der Einsatzleiter von einer schwierigen Bergeaktion. Rund 50 Helfer waren in den frühen Morgenstunden zur Unfallstelle aufgestiegen, weitere Retter sollen im Laufe des Tages nachkommen. Da jedoch kein Signal vom Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS) empfangen werden konnte, musste der gesamte Lawinenkegel sondiert werden.

400 Meter langes und 100 Meter breites Schneebrett

Die jungen Bayern hatten am Freitagvormittag gemeinsam mit einem weiteren Skifahrer (27) den gesicherten Skiraum verlassen und sind oberhalb des „Kals-Matreier-Törls" auf rund 2300 Metern Höhe in Richtung Matrei ab- und dann auf Höhe der Talstation „Happeck" wieder in das Skigebiet eingefahren. Die Skifahrer waren mit Lawinenairbags und LVS ausgestattet.

Gegen 12.30 Uhr wiederholten die beiden Jüngeren die Fahrt, während der 27-Jährige in der Talstation auf sie wartete. Im Bereich der so genannten „Ladstatt" auf 1800 Metern dürfte sich ein 400 Meter langes und 100 Meter breites Schneebrett gelöst und die beiden verschüttet haben. Zeugen des Lawinenabgangs gab es keine. Als seine beiden Freunde nicht zurück zur Talstation kamen, meldete der 27-Jährige den Bergbahnen gegen 15 Uhr deren Abgängigkeit.

Einheimische entdeckten Lawinenkegel

Etwa zur selben Zeit entdeckten zwei Einheimische, die zufällig die gleiche Strecke abfuhren, die Lawine. Da in den Lawinenkegel zwei Skispuren hinein, jedoch keine herausführten, alarmierten die beiden die Rettungskräfte. Anschließend versuchten sie, die vermeintlich Verschütteten zu orten. Als der Piepser anschlug, begannen die beiden zu graben. Die Bergretter, die aufgrund der schlechten Wetterlage zu Fuß zur Unglücksstelle aufsteigen mussten, konnten den 25-Jährigen schließlich gegen 16.45 Uhr aus einer Tiefe von etwa zwei Metern bergen. Sofort eingeleitete Reanimationsversuche blieben jedoch erfolglos: Eine halbe Stunde später konnte ein Arzt nur noch den Tod des Mannes feststellen. Die Suche nach dem Freund des Opfers wurde gegen 18 Uhr wegen der hohen Lawinengefahr unterbrochen. Der 26-Jährige hatte auch nach stundenlangen Sondierungen nicht geortet werden können. Seine Leiche wurde am Samstag in einem Meter Tiefe im Lawinenkegel entdeckt. (TT.com)

Fieberhaft wurde im Kühtai nach möglichen Verschütteten gesucht.
Fieberhaft wurde im Kühtai nach möglichen Verschütteten gesucht.
- zeitungsfoto.at