Letztes Update am Do, 25.10.2018 10:14

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Unglück vor CL-Spiel

Rolltreppe in Rom eingestürzt: Fans wehren sich gegen Schuldvorwürfe

Vor einem Spiel ihrer Mannschaft verunglücken mehrere Anhänger von ZSKA Moskau auf einer Rolltreppe. Italienische Politiker machen das Verhalten der „betrunkenen Pseudofans“ für das Unglück verantwortlich. Das lassen die Russen nicht auf sich sitzen.

Die Reise zum Champions-League-Spiel ihres Klubs durch den Untergrund Roms wird für eine Gruppe Moskauer Fußballfans zu einer wahren Höllenfahrt. Am Ende gab es 24 Verletzte, viele davon schwer.

© Vigili del FuocoDie Reise zum Champions-League-Spiel ihres Klubs durch den Untergrund Roms wird für eine Gruppe Moskauer Fußballfans zu einer wahren Höllenfahrt. Am Ende gab es 24 Verletzte, viele davon schwer.



Rom – Massenweise stehen Menschen auf einer U-Bahn-Rolltreppe in Rom. Sie wollen zu einem Fußballspiel. Auf einmal rauscht die Treppe in die Tiefe. Menschen stürzen übereinander, springen panisch über den Handlauf. Vor dem Champions-League-Spiel zwischen AS Rom und ZSKA Moskau spielen sich am Dienstagabend dramatische Szenen ab.

In der Metrostation Repubblica, mitten im touristischen Zentrum Roms, werden mindestens 24 Menschen verletzt, mehrere davon schwer. Die meisten sind Russen, wahrscheinlich alle Fans des Moskauer Clubs. Was ist geschehen? Warum rasselt die Rolltreppe auf einmal in die Tiefe und bricht unten ein?

Sanitäter brauchten 40 Minuten

Roms Bürgermeisterin Virginia Raggi spricht noch am Abend von singenden und tanzenden Fans, die die Treppe demoliert haben könnten. Die Staatsanwaltschaft ermittle. Italiens Vize-Premier Matteo Salvini macht am Mittwoch Dutzende „betrunkene Pseudofans“ für das Unglück verantwortlich.

Das wird in Russland zurückgewiesen. Der Fußballkommentator Wladimir Stognijenko zitiert einen Augenzeugen: „Er sagt, es sei gelogen, dass sie gesprungen seien. Natürlich haben sie aktiv gesungen, aber sonst nichts Außergewöhnliches gemacht.“ Im übrigen habe es 40 Minuten bis zum Eintreffen von Sanitätern an der Unfallstelle gedauert. Salvini solle sich entschuldigen, fordert Michail Degtarjow, Vorsitzender des Sportausschusses im russischen Parlament.

Wer in Rom schon mal mit U-Bahn oder Bus unterwegs war, der weiß auch, dass das Verkehrssystem marode ist. Fällt Regen, werden Bahnhöfe wegen Überflutung geschlossen. Busse bleiben regelmäßig liegen oder fangen Feuer, wie zuletzt einer in unmittelbarer Nähe des Trevi-Brunnens.

Chronisches Missmanagement: Demos angekündigt

Nun also die Rolltreppe. Die öffentliche Verkehrsgesellschaft Atac versichert, dass die U-Bahn-Treppen einmal pro Monat gewartet würden. Interne Ermittlungen sollen nun Aufschluss geben.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt unter anderem wegen Körperverletzung. Die Polizei erklärt, die russischen Fans hätten die Angebote der Polizei und des russischen Konsulates für einen Extra-Transport zum Stadion missachtet und hätten sich selbstständig auf den Weg gemacht.

40 Minuten habe es bis zum Eintreffen von Sanitätern an der Unfallstelle gedauert, beklagt die russische Seite.
40 Minuten habe es bis zum Eintreffen von Sanitätern an der Unfallstelle gedauert, beklagt die russische Seite.
- AFP

Jeder Römer erlebt Tag für Tag, dass Atac unter chronischem Missmanagement leidet. Rolltreppen in römischen U-Bahnhöfen sind oft sowieso außer Betrieb. Diesen Samstag ist eine große Demonstration gegen die Stadtverwaltung angekündigt – die Menschen haben Schlaglöcher in den Straßen, Müllberge, marode Busse und Bahnen satt.

„Solche Fälle kommen recht selten vor“

Russische Fans erzählen auch italienischen Medien, dass sie nicht gesprungen seien. „Wir standen auf der Treppe, als sie auf einmal nachgegeben hat“, sagt Daria Petrova. Auf einem Video ist zu sehen, wie die Menschen auf der Treppe stehen, die dann auf einmal Geschwindigkeit aufnimmt und nach unten rasselt. Im unteren Bereich hätten sich die Menschen gestapelt, so Einsatzleiter Giampietro Boscaino. Die meisten erlitten Verletzungen an den Beinen.

Es sei schwer, aus der Ferne zu beurteilen, was zu dem Unglück geführt habe, sagt Achim Hüsch, Experte beim TÜV Rheinland für Fahrtreppen. „Solche Fälle kommen recht selten vor.“ Es könnte sein, dass eine Bremse, eine Kupplung oder ein Zahnrad versagt haben.

Hinzu könnte eine „gnadenlose Überbelastung“ durch zu viele Menschen kommen. „Wenn die dann noch hüpfen, entstehen Kräfte“, die in die Planung nicht einbezogen seien. Es gehe auch um die Frage, wie alt die Treppe war. Neuere Modelle haben demnach zum Beispiel für Notfälle eine zweite Bremse. Viel häufiger komme es an Rolltreppen aber zu Unfällen, weil Menschen mit Mänteln, Schuhen oder anderen Gegenständen hängen bleiben. (dpa)