Letztes Update am Sa, 20.04.2019 07:13

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Lawinenunglück in Kanada

Peter Habeler: „Das ist doch im Menschen drinnen“

Der Zillertaler Extrembergsteiger Peter Habeler kennt David Lama von klein auf, bezeichnet ihn als alpine Lichtgestalt. Der Zillertaler weiß um die Triebfeder, die Alpinisten immer neue Herausforderungen suchen lässt.

Peter Habeler kannte David Lama von Kindesbeinen an.

© Timeline ProductionsPeter Habeler kannte David Lama von Kindesbeinen an.



Herr Habeler, David Lama ist als Vierjähriger zu Ihnen in die Kinderkletterschul­e gekommen. 2017 haben Sie gemeinsam die Eiger-Nordwand durchstiegen. Beschreiben Sie ein wenig die Person David Lama …

Peter Habeler: Ich habe ihn über alle Maßen geschätzt, seine Ruhe, die unglaubliche Cleverness. Ich bin daher immer noch in Schockstarre. Als er vor über 20 Jahren zu mir gekommen ist, habe ich sofort erkannt, dass das ein Juwel, dass er ein Ausnahmekönner ist. Der David war im Bergsport, was der Marcel Hirscher im Skifahren ist. Er war aber gleichzeitig vorsichtig, umsichtig, hat sich minutiös und genau auf seine Unternehmungen vorbereitet. Und er hat umdrehen können.

Als ich erzählt habe, dass ich zu meinem 75. Geburtstag durch die Eiger-Nordwand will, hat er sofort gesagt, dass wir das gemeinsam machen. Das finde ich toll, ein anderer lacht dich ja aus. Dieses Erlebnis bekommt jetzt noch mehr Wert für mich. Aber auch der Hansjörg Auer war ein Ausnahmetalent. Was die zwei gemacht haben, da sind wir Waisenknaben dagegen.

Als Spitzenalpinist begibt man sich am Berg an Grenzen. Man weiß, dass man Gefahren ausgesetzt ist und es immer ein Restrisiko geben wird. Was treibt einen trotzdem an, all das auf sich zu nehmen?

Habeler: Das ist doch im Menschen drinnen – dass man etwas Neues gestalten und machen will, etwas, was noch nie jemand gemacht hat. Aber beim Bergsteigen kommt dazu, dass man sich dabei in Lebensgefahr begibt und sich immer über einem ein Stein lösen und einen treffen kann. Man hat jedoch keine Todessehnsüchte. Aber ich verstehe, dass das Max Mustermann auf der Couch liegend nicht verstehen kann.

Also sind extreme alpinistische Unternehmungen immer ein Spiel mit dem Tod?

Habeler: Das kann ich nicht mehr hören. Diese Bergsteiger spielen nicht mit dem Tod, sie versuchen natürlich zu leben – genau gesagt, versuchen sie intensiver zu leben als jemand, der daheim sitzend diese tollen Erfahrungen nie haben wird. Sie versuchen, dem engen Korsett des Lebens zu entkommen und etwas Unbeschreibliches zu machen.

Sie selbst haben einmal gesagt, 125 Schutzengel in Ihrem alpinen Leben gehabt zu haben. Oder anders ausgedrückt: Gehört auch Glück dazu, lebend wieder herunterzukommen?

Habeler: David Lama und Hansjörg Auer gehören zu den weltbesten Bergsteigern. Die haben sich immer bestens vorbereitet. Ich sage jetzt einmal, sie haben alles richtig gemacht. Und das, was passiert ist, ist Pech gewesen.

Wie groß ist der Druck von Sponsoren, mit Expeditionen Aufmerksamkeit zu bekommen? Und wie weit setzt das die Bergsteiger unter Druck?

Habeler: Mein Gott, der Druck geht nicht so weit, dass man als Athlet kein Geld mehr bekommt. Dem David etwa wurde immer selbst überlassen, welche Projekte er macht. Aber ich kann mir vorstellen, dass man sich durch die Erwartungshaltung unter Druck gesetzt fühlt und sich in etwas hineintheatern lässt. Das habe ich auch schon gehabt. Aber David war immer clever genug, sich nicht beeinflussen zu lassen.

Das Interview führte Irene Rapp.

Die Berge war seine Leidenschaft: David Lama auf der Slackline.
Die Berge war seine Leidenschaft: David Lama auf der Slackline.
- Red Bull Content Pool/Ferrigato

David Lama, der geborene Kletterer

„Das Wellenreiten faszinierte mich schon länger, also habe ich mir vor fünf Jahren ein Brett geschnappt und bin raus aufs Meer. Selbstredend habe ich dabei einiges auf die Schnauze bekommen. Aber spannend wird’s nur, wenn man die Komfortzone verlässt“, sagte David Lama im vergangenen Herbst. Da war er gerade von einem Surftrip aus den Äußeren Hebriden (Schottland) zurückgekehrt. Wassertemperatur: 12 Grad Celsius. So war er, der David. Stets auf der Suche nach neuen Herausforderungen.

Papa Rinzi ein nepalesischer Bergführer, Mama Christine Innsbruckerin – die Natur war von Kindesbeinen an seine Welt. Und das Klettern. Nach zwei Jugend-WM-Titeln gewann er 2006 mit 16 Jahren als Erster einen Weltcupbewerb im Vorstieg und Bouldern in einer Saison. 2010 der Wechsel in die Berge, auf denen er ebenfalls lichte Höhen erklomm. Wie letztmals am 25. Oktober 2018, als er mit der Erstbesteigung des Lunag Ri (6985 m) in Nepal erneut Alpingeschichte schrieb. Lama hatte noch so viele Projekte im Kopf – es wollte nicht mehr sein. (m. i.)

Hansjörg Auer nach der Solo-Erstbegehung eines Siebentausenders in Pakistan.
Hansjörg Auer nach der Solo-Erstbegehung eines Siebentausenders in Pakistan.
- Hansjörg Auer

Hansjörg Auer, der leise Typ

2007 steigt ein junger Ötztaler durch die Route „Weg durch den Fisch“ in der Marmolata-Südwand: 37 Seillängen, 1200 Klettermeter, Schwierigkeitsgrad bis 9-. Hansjörg Auer durchsteigt die Route free solo – nur mit Helm und Magnesiumbeutel ausgerüstet. Und hätten nicht Bergsteiger ein Foto gemacht, hätte wohl kaum jemand von dieser Tour erfahren.

Jahre später erzählt Auer im TT-Gespräch, dass ihn vor allem sein „frecher Zugang“ zu der weltweit für Aufsehen sorgenden Aktion fasziniert hätte. Auer berichtet aber auch, dass ihn die öffentliche Aufmerksamkeit danach unter Druck gesetzt hätte. Er glitt in die Magersucht, hatte depressive Verstimmungen. Beides überwand er und unternahm zahlreiche Expeditionen, darunter auch Erstbegehungen.

Bei einer davon, 2015 in Nepal, verunglückte sein Freund Gerhard Fiegl aus Umhausen. Gemeinsam mit Alexander Blümel aus Mötz musste Auer alleine absteigen. „So etwas ist schwer zu akzeptieren. Denn man macht alles und hofft, dass so etwas nicht passiert. Aber es kann eben doch passieren“, sagte Auer danach. (i.r.)

Simon Messner.
Simon Messner.
- Foto Rudy De Moor

Ein Filmprojekt mit besonderer Tragik

Im Jänner 2018 gelang Hansjörg Auer und Simon Messner, Sohn des einstigen Extrembergsteigers Reinhold Messner, die erste Winterbegehung der Nordwand des Inneren Hahlkogels (Ötztaler Alpen). „Hansjörg hat mich in dieser Tour bei meinem ersten alpinen Sturz gehalten und sich dabei die Handschuhe verbrannt“, erzählt der 28-Jährige. Weitere gemeinsame Klettertouren folgten.

Der junge Südtiroler hat sich in der Szene u. a. durch viele Erstbegehungen einen Namen gemacht. Er weiß, was Alpinisten antreibt: „Jedes Unternehmen in den Bergen ist wie eine Flucht vor dem Alltag. Man ist mit dem Kopf nur im Jetzt. Und wenn man alles unbeschadet überstanden hat, fühlt man sich wie neugeboren.“

Kennen gelernt hatten sich Simon Messner und Auer über Reinhold Messner. „Die zwei waren sich sehr sympathisch“, erzählt der 28-Jährige. Auer hatte den Messners u. a. die Aufnahmen von der Expedition in der Nilgiri-Südwand in Nepal für eine Film-Doku überlassen. Dort war 2015 Auers Kamerad Gerhard Fiegl tödlich abgestürzt. „Das besonders Tragische ist, dass von den drei an dieser Expedition beteiligten Bergsteigern nur noch einer lebt (Alexander Blümel; Anm.d.Red.)“, sagt Messner. (i.r.)