Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 06.06.2019


Bezirk Imst

Drei Schafe gerissen: Bär auf Streifzug im Pitztal

Ein bislang unauffälliger Bär, vermutlich aus dem Trentino, hat drei Schafe gerissen und wurde mittels Wildkamera als Übeltäter identifiziert. Vorsicht, aber keine Panik, ist angebracht.

Eine Kamera filmte das Tier in der Nacht auf Donnerstag.

© ZOOM.TirolEine Kamera filmte das Tier in der Nacht auf Donnerstag.



Von Thomas Parth

St. Leonhard i. P. — Mittwochfrüh kam dem Pitztaler Nebenerwerbsbauern Florian Melmer bei seinen Schafen etwas „komisch" vor. „Ich fuhr zur Arbeit und habe meinen Sohn gebeten, Nachschau zu halten", so Melmer. Wenige Minuten später erhielt er den schockierenden Anruf, dass drei seiner Schafe auf der Weide gerissen worden waren. Zunächst fiel der Verdacht auf streunende Hunde, auch ein Wolf konnte nicht ausgeschlossen werden. Die Tierkadaver wurden entsorgt, DNA-Proben entnommen und zur Untersuchung eingeschickt. „Zusammen mit einem Nachbarn haben wir eine Wildkamera installiert", berichtet der Pitztaler, für dessen Schaden das Land aufkommt. Um halb sechs Uhr sei dann klar gewesen, dass ein Bär gegen ein Uhr Früh die Fotofalle ausgelöst hat.

Noch hat der stattliche Bärenbursche keinen Namen, wie der Beauftragte des Landes für große Beutegreifer, Martin Janovsky, im TT-Telefonat bestätigt. Der Experte hatte gestern alle Hände voll damit zu tun, zunächst das Bildmaterial zu überprüfen und die weitere Vorgehensweise im Pitztal zu besprechen. „Wir gehen davon aus, dass es sich beim fotografierten Tier um ein männliches Jungtier aus dem Bestand im Trentino handelt, welches bei uns auf der Durchreise ist", kann Janovsky mit „ziemlicher Wahrscheinlichkeit" sagen: „Nachdem zunächst wildernde Hunde vermutet wurden, kam heute Früh der Fotobeweis. Wir waren schon mit Fake-Fotos konfrontiert, weshalb ich Kollegen aus Österreich, Südtirol und dem Trentino um ihre Expertise gebeten habe. Für uns besteht kein Zweifel an der Echtheit des Bildmaterials."

„Mit einem Bären hat niemand gerechnet"

Überrascht zeigt sich auch BM Elmar Haid: „Mit einem Bären hat niemand gerechnet." Weil auf den Almen im hinteren Pitztal noch Schnee liegt, hat sich der Trentiner Bär seinen Weg über die Weiden am Talboden gesucht. „Für die Bevölkerung gilt: Vorsicht, aber keine Panik", mahnt der Bürgermeister. „Die restlichen Schafe sind im Stall und ich gehe derzeit sicher nicht nachts spazieren", meint dazu Bauer Melmer.

Verhaltensregeln

Wollen Sie mehr über Bären und Wölfe, sowie das richtige Verhalten ihnen gegenüber erfahren? Sie wollen wissen, wohin Sie sich bei Sichtungen oder Rissen wenden können? Dann finden Sie hier alle wichtigen Infos: https://go.tt.com/2Mwyzj3

Angesprochen auf die zerfetzten Tierkörper, klärt Bärenanwalt Janovsky auf: „Ein Bär ist in erster Linie ein Allesfresser, der das erbeutet, was er leicht erwischt. Ein Fleischkadaver sieht nie schön aus. Das ist nichts Ungewöhnliches. Typisch hingegen ist, dass das Tier wieder zur Beute zurückkehrt, um sie weiter zu nutzen. Darum konnte der Bär schließlich von der Wildkamera erfasst werden."

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Seit dem Jahr 2006, als der Braunbär Bruno nach Norden wanderte, stammten alle folgenden bei uns gesichteten Bären aus der Trentiner Population, weiß Bärenexperte Janovsky. „Weibchen bleiben stationär, während junge männliche Exemplare teils größere Ausflüge aus ihrem angestammten Revier unternehmen. Schätzungsweise wiegt das im Pitztal abgelichtete Tier zwischen 100 und 150 Kilogramm. Einem Rind gegenüber also ein Leichtgewicht und nicht mit einem aus einer Universum-Reportage bekannten Kodiak- oder Grizzlybären zu vergleichen."

Geschützte Wildtierart

Der Bär ist eine geschützte Wildtierart, welche weder getötet noch gefangen oder verfolgt werden darf. „Bei den letzten auffälligen Besuchern war eine Vergrämungsverordnung nach dem Jagdgesetz nötig, um die Tiere zu vertreiben", so Janovsky. „Für uns stellt der Bär kein Problem dar", sagt Norbert Krabacher, der jagdliche Leiter der Tiroler Landesjagd im Gemeindegebiet von St. Leonhard im Pitztal: „Wolf und Luchs werden, rein aus Sicht der Jagd, problematischer gesehen."

Bislang gilt der Pitztaler Braunbär nicht als „auffällig", das würde ein Bär erst, wenn er die Nähe von Menschen sucht. „Wir gehen davon aus, dass das Jungtier auf dem Durchzug ist", stellt Janovsky fest. Die Jäger der Landesjagd werden jedenfalls in den kommenden Tagen verstärkt Ausschau halten.