Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 06.08.2019


Ertrinkungsunfälle

Im Wasser lauert für Kinder die Gefahr: “Sofort herausziehen“

Jener Bub (5), der Sonntag nach einem Sturz in ein Schwimmbecken in Oetz reanimiert wurde, wird wieder ganz genesen. Laut Experten zählt bei Ertrinkungsunfällen jede Sekunde.

Ertrinken zählt bei Kindern bis 14 Jahre zu den häufigsten Unfall-Todesursachen. (Symbolfoto)

© iStockErtrinken zählt bei Kindern bis 14 Jahre zu den häufigsten Unfall-Todesursachen. (Symbolfoto)



Von Clemens Neuner

Oetz, Innsbruck — Eine Viertelstunde lang musste ein Fünfjähriger am Sonntag reanimiert werden. Er war am Nachmittag in ein 1,8 Meter tiefes Schwimmbecken in Oetz gestürzt und nicht mehr aufgetaucht. Gestern die erfreuliche Nachricht: Das Kind befindet sich auf dem Weg der Besserung, wird wohl wieder ganz genesen. „Aus Sicht der Ärzte dürfte mit keinen Folgeschäden zu rechnen sein", sagte eine Sprecherin der Polizei. Doch nicht alle haben so viel Glück wie der Bub aus Deutschland. Ertrinken ist die häufigste tödliche Unfallursache bei Kindern bis zum 14. Lebensjahr.

„Kinder darf man beim Schwimmen niemals unbeaufsichtigt lassen", warnt Adolf Schinnerl, ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes Tirol. „Ein Unfall im Wasser ist nämlich sehr schnell geschehen. Eine große Gefahr für Kleinkinder ist besonders der so genannte Totstellreflex." Dieses Phänomen tritt auf, sobald das Gesicht eines Kindes unter Wasser gerät. „Dabei stellt der Körper seine Funktionen zurück, Herzschlag und Atmung werden langsamer", sagt der Experte.

Im Ernstfall sollte sofort gehandelt werden, da jede Sekunde zählt. Schinnerl: „Regungslose Kinder muss man sofort aus dem Wasser holen. Denn bereits nach drei Minuten ohne Sauerstoff setzen erste Gehirnschäden ein." Sollte das Kind nicht auf Ansprechen oder Rütteln reagieren und nicht mehr atmen, müssten Ersthelfer sofort mit einer Herzdruckmassage und der Beatmung beginnen. „Je belebter der Ort, desto gefährlicher", warnt Schinnerl vor dem Trugschluss, dass die Überlebenschancen in öffentlichen Bädern größer seien. „Dort werden Kinder leichter aus den Augen verloren. Notfälle werden in der Menge dann oft zu spät bemerkt."

Der Verein „Große schützen Kleine" hat im vergangenen Jahr den Fokusreport „Ertrinken von Kindern in Österreich" veröffentlicht. Darin wurden 200 Ertrinkungsunfälle aus dem Zeitraum 2007 bis 2017 aufgearbeitet. „Ertrinken ist die häufigste tödliche Unfallursache bei Buben und Mädchen bis fünf Jahre, die zweithäufigste bei älteren Kindern", sagt Holger Till, Präsident des Vereins und Vorstand der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendchirurgie in Graz. Jeder fünfte Ertrinkungsunfall endet demnach tödlich, doch auch bleibende Schäden und schwere geistige Behinderungen sind keine Seltenheit.

Um das Unfallrisiko zu verringern, sollten sich Aufsichtspersonen beim Schwimmen an einige Regeln halten (mehr dazu rechts). Laut den Experten am wichtigsten: Kinder niemals unbeobachtet lassen. Adolf Schinnerl: „Im privaten Bereich sollte man außerdem den Pool oder Teich mit einem kleinen Zaun umgeben. Kleine Kinder gelangen so nicht unbemerkt ins Wasser."

Sicherheitstipps und Verhaltensregeln

Kinder bis zehn Jahre dürfen beim Schwimmen unter keinen Umständen aus den Augen gelassen werden.

Regungslose Kinder sollten zuerst aus dem Wasser geholt werden, dann sind Erste-Hilfe-Maßnahmen einzuleiten und ein Notruf abzusetzen.

Pool und Schwimmteich im eigenen Garten sollten eingezäunt und mit einer selbstschließenden Tür abgesichert werden.

Elektronische Sicherheitssysteme schlagen Alarm, wenn Kinder unbemerkt in den Pool gelangen.

Planschbecken sind nach der Verwendung zu entleeren, Regentonnen sollten mit einem Deckel verschlossen werden.

Schwimmhilfen wie etwa Schwimmflügel bieten keinen ausreichenden Schutz und ersetzen die Aufsicht der Eltern nicht.

Keine Schwimmsitze bei Kleinkindern verwenden, denn diese kippen leicht. Kopf und Rumpf können so unter Wasser geraten.

Verbindliche Regeln können Kleinkindern helfen, damit sie beispielsweise nur in Begleitung eines Erwachsenen ins Wasser gehen.