Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 08.12.2015


Innsbrucker Klinik

Todesfälle von Herzpatienten werden untersucht

Der Chef der Kardiologie Innsbruck wird durch die Expertenkommission schwer belastet. Sieben Patientenfälle werden in der Schweiz untersucht.

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© Keystone



Von Anita Heubacher

Innsbruck – Sechs bis sieben Patientenfälle, darunter „zwei bis drei Todesfälle“, würden von einem Gutachter in der Schweiz noch einmal untersucht, erklärte gestern der Vorstand der tirol kliniken, Stefan Deflorian, bei einer Pressekonferenz in Innsbruck. Bis dato gehe die Klinikführung davon aus, dass die Todesfälle „im Bereich des aufgeklärten Risikos“ gelegen seien. Der Chef der Kardiologie, Wolfgang-Michael Franz, wird schwer belastet. Durch das nun vorliegende Endergebnis der Expertenkommission zu seinen wirtschaftlichen und führungstechnischen Fähigkeiten und durch seine Oberärzte.

Diese warfen ihm mangelnde klinische Fähigkeiten vor. Von Todesfällen bis hin zu schweren Komplikationen reichte die Kritik, die die Ärzte auch der Klinikführung und der Medizin-Universität bereits vor einem Jahr mitteilten.

Wegen fahrlässiger Tötung in mehreren Fällen ermittelt auch die Staatsanwaltschaft Innsbruck. „Wir haben ein Sachverständigen-Gutachten angefordert. Daraus ergaben sich weitere Fragen“, erklärte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Thomas Willam, gestern gegenüber der TT. Man habe noch einmal an das Landeskriminalamt verwiesen. Eine Anzeige gegen Franz sei von einer konkreten Person, die andere anonym eingegangen, sagte Willam. Franz’ Anzeige wegen Rufschädigung habe die Staatsanwaltschaft eingestellt. Franz selbst wies stets alle Vorwürfe der Ärzte von sich.

Die vier Gutachter der Expertenkommission nahmen die Patientenabrechnungen des Primars und seine Mitarbeiterführung unter die Lupe. 200 Patienten habe Franz eine Rechnung gestellt, die sie eigentlich nicht bekommen hätten dürfen. Es handle sich um normalversicherte, ambulante Patienten, die zu viel gezahlt hätten. „Es ist ein Schaden von rund 50.000 Euro entstanden“, erklärte der Vorstand der tirol kliniken, Stefan Deflorian. Das Geld müsse, wenn sich Patienten melden würden, Franz zurückzahlen. Ob der Primararzt auch Patienten im stationären Bereich wirtschaftlich geschädigt habe, müsse man erst „noch nachschauen“, sagte Deflorian.

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Vom Bericht „überrascht“ zeigte sich Franz selbst. Er habe die Abrechnungsmodalitäten von seinem Vorgänger unverändert übernommen. Er habe sich zu keiner Zeit in irgendeiner Weise persönlich bereichert. Falls Fehler passiert seien, „dann definitiv nicht, um den tirol kliniken oder den Patienten zu schaden“, lässt Franz via Rechtsanwalt wissen. Er habe weit mehr Sonderklasse-Gelder an das Herzkatheter-Personal und erstmals auch an die Pflege ausgeschüttet. Dafür gerate er jetzt in Kritik.

Schlecht abgeschnitten hat der Kardiologe auch bei der Mitarbeiterführung. Mangelnde Paktfähigkeit, Kritikimmunität, Gesprächsverweigerung und fehlende Wertschätzung attestierten ihm die vier Gutachter.

Der 100-Seiten-Bericht wird jetzt von Franz, Klinik und Med-Uni geprüft. In einer Woche soll entschieden werden, wie es weitergeht. Bis dato sei es noch nie vorgekommen, dass man sich von einem Primararzt getrennt habe, nur im Einvernehmen, erklärte die Rektorin der Med-Uni, Helga Fritsch. Als Fehlbesetzung wollte sie Franz nicht bezeichnen. „Es gibt Bestellungen, die sind weniger gelungen und solche, die besser geglückt sind.“ Franz trat im Juni 2013 seinen Dienst an der Kardiologie an. Berufen hatte ihn die Medizin-Universität, damals unter Rektor Herbert Lochs, Fritsch war zu dem Zeitpunkt Vize-Rektorin. VP-Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg sieht den Ball ganz klar bei der Universität. Falls es keine zufriedenstellende Lösung gebe, will Tilg ein Landesprimariat schaffen, betonte er gestern erneut. Das käme einer Kampfansage an die Uni und an Franz gleich. Er würde damit von der Patientenversorung abgezogen und dürfte keine Patienten mehr abrechnen. Der Kardiologe fällt laut tirol kliniken in die Kategorie jener Primarärzte, die jährlich mehr als eine Million Euro an Privatgeld kassieren.

Am Prüfstand

Expertenkommission: In der Kommission saßen Wirtschafter Rolf Kapferer, der ehemalige Aufsichtsratsvorsitzende der Tilak, Helmut Schwamberger, Psychoanalytiker Manfred Steinlechner und Wirtschafter Stephan Laske.

Klinische Vorwürfe: Die Oberärzte an der Kardiologie warfen Franz mangelnde klinische Fähigkeiten vor. Sechs bis sieben Fälle lassen die tirol kliniken erneut prüfen, darunter zwei bis drei Todesfälle. Die Staatsanwaltschaft Innsbruck ermittelt wegen fahrlässiger Tötung. Die Kommission hat sich „nur“ um wirtschaftliche und führungstechnische Inhalte gekümmert.

Wirtschaftlich: Von Juli 2013 bis Juni 2015 soll Franz 200 ambulanten Patienten Honorare verrechnet haben, was er eigentlich nicht durfte. 50.000 Euro sind laut tirol kliniken entstanden. Trotz Hinweis der Rechtsabteilung verrechnete Franz weiter an Normalversicherte.

Mitarbeiterführung: Die Expertenkommission sprach mit 50 Mitarbeitern und kam zum Schluss: Franz sei mit den Führungsaufgaben überfordert. Allerdings habe weder die Medizin-Uni als Franz’ Dienstgeber noch die Klinikführung Franz Weiterbildungen in dem Bereich angeboten. Die Klinikführung kontert: Sie biete neuen Führungskräften Seminare an. Franz habe dieses Angebot nicht angenommen.