Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 01.02.2017


Justiz und Kriminalität

„Viele nicht im Gefängnis radikalisiert“

Eine Studie zu Deradikalisierung im Gefängnis offenbart, was gut funktioniert, aber auch, welche Probleme noch ungelöst sind.

(Symbolfoto)

© TT/Thomas Böhm(Symbolfoto)



Wien – Derzeit sind 68 Menschen wegen Mitgliedschaft in oder Unterstützung einer terroristischen Vereinigung hierzulande in Haft. Zum Vergleich: Zwischen 2002 und 2013 waren es lediglich vier Personen. „Wir haben die Probleme und das Gefährdungspotenzial bisher durchaus beherrschen können“, sagte Justizminister Wolfgang Brandstetter (ÖVP) gestern bei der Präsentation einer Studie, in der die Maßnahmen zur Deradikalisierung in Haft untersucht wurden.

Für die Studie – erstellt vom Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie (IRKS) – wurden mehr als 100 Personen interviewt – unter ihnen 39 Jihadisten. Für Veronika Hofinger vom IRKS, die die Studie gemeinsam mit Thomas Schmidinger verfasst hat, gibt es „,den‘ Jihadisten nicht“. Unter den Befragten waren etwa eine schwangere Frau, die auf ein besseres Leben unter der Scharia in Syrien hoffte, ebenso wie Jugendliche, die ihre Sympathie für den IS auf Facebook kundtaten, und salafistische Prediger. „Die meisten haben sich nicht im Gefängnis radikalisiert“, stellte die Soziologin klar.

Relativ gut funktionieren deradikalisierende Maßnahmen – dazu gehören Anti-Gewalt-Training ebenso wie die Vermittlung politischer Bildung und Interventionsgespräche durch Experten des Vereins „Derad“ – bei marginalisierten Jugendlichen. „Sie sind leicht beeinflussbar und keine sattelfesten Jihadisten“, sagte Hofinger. Schwieriger sei es bei Predigern und tschetschenischen Nationalisten.

Auf der anderen Seite bezweifeln die Studienautoren den Sinn von Einzelhaft. Sie soll die Radikalisierung von Mithäftlingen verhindern, könnte aber eine weitere Radikalisierung bewirken – beispielsweise, wenn ein Insasse die U-Haft-Zeit in der Zelle allein damit verbringt, den Koran zu lesen. Maßnahmen zur Deradikalisierung sollten nach Ansicht der Experten am besten mit Antritt der U-Haft beginnen – was aber wegen unterschiedlicher Interessen von Staatsanwaltschaften und/oder Verfassungsschutz fallweise verhindert wird. Darüber hinaus ist mehr Betreuung gefragt.

Mit dieser Studie sei nicht Schluss, die Forschung gehe weiter, erklärte Brandstetter. Eine weitere soll die letzten Jahre des 17-jährigen terrorverdächtigen Albaners untersuchen. „Wir wollen wissen, was da schiefgelaufen ist“, sagte der Minister. (sas)