Letztes Update am Fr, 07.07.2017 15:08

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kinderporno-Ring

Sexuell missbrauchte Kinder leiden oft ein Leben lang

Depression, selbstverletzendes oder auffälliges Verhalten sind nur einige Folgen von sexuellem Missbrauch. Die Aushebung eines gewaltigen Kinderporno-Rings in Deutschland und Österreich rückt den Missbrauch von Kindern erneut ins Licht der Öffentlichkeit. Wenn ein Familienmitglied der Täter ist, sei es besonders schlimm, sagt die Psychotherapeutin Claudia Rupp.

Ein riesiger Kinderporno-Ring wurde von der österreichischen und deutschen Polizei ausgehoben.

© APAEin riesiger Kinderporno-Ring wurde von der österreichischen und deutschen Polizei ausgehoben.



Wien - "Sexuell missbrauchte Kinder verlieren das Vertrauen in die Umwelt und in Erwachsene." Das sagte die Psychotherapeutin Claudia Rupp am Freitag im Gespräch mit der APA nach der Aushebung der Kinderporno-Plattform "Elysium". Doppelt schlimm sei es, wenn der Täter der eigene Vater ist, wie im Fall des Wieners, der seine Kinder missbraucht und davon Bildmaterial verbreitet hat.

Ein sexueller Übergriff bewirke eine traumatische Erfahrung bei Kindern und hinterlasse Spuren und Wunden, erklärte Claudia Rupp, klinische Psychologin und Psychotherapeutin mit Arbeitsschwerpunkt Kinder-, Jugend- und Familienpsychologie. "Die Kinder haben permanent Angst, dass ihnen wieder so etwas passieren könnte. Ihr Körper stehe unter Dauerstress aus Angst, dass wieder ein Übergriff passieren könnte." Depression, selbstverletzendes oder auffälliges Verhalten können die Folge sein. Manche Missbrauchsopfer verarbeiten das Erlebte gut, andere haben ein Leben lang Symptome, die auf den Missbrauch zurückzuführen sind.

"Kinder müssen aus dem Umfeld genommen werden"

"Zuerst müssen die Kinder aus dem Umfeld genommen werden und vor weiteren Übergriffen geschützt werden", erklärte Rupp. Dann gehe es darum, ihnen ein sicheres Umfeld und vertrauenswürdige Beziehungen anzubieten und sie zu stabilisieren. In einer Therapie wird versucht, das Erlebte mit dem Kind aufzuarbeiten, bei jüngeren Kindern passiere das in spielerischem Kontext, bei älteren Kindern auch im Gespräch. "Wesentlich ist, dass das Kind erfährt, dass es nicht Schuld an dem Missbrauch ist, dass es nichts dagegen hätte tun können". Denn viele Kinder würden sich für den Missbrauch schämen und sich fragen, ob sie etwas falsch gemacht haben.

Hintergrund: Kinderporno-Netz ausgehoben

Deutsche und österreichische Ermittler haben ein internationales Kinderporno-Netz mit Zehntausenden Mitgliedern gesprengt. In Österreich wurden 13 Kinder Opfer des Missbrauchs. Zwei Täter lebten in Wien: Ein 28-jähriger Vater verging sich vor der Kamera an seinen Kindern. Mehr dazu lesen Sie hier: http://go.tt.com/2tYMkwI

Der aktuelle Fall sei unter anderem deshalb so schlimm, weil der Missbrauchstäter der eigene Vater ist, sagte Rupp. "Wenn Eltern ihre Kinder nicht nur nicht schützen, sondern zusätzlich zur Quelle des Schreckens werden, dann ist das doppelt so schlimm für die Kinder."

Manipulative Täter, wehrlose Mütter

Da die Täter "Meister im Manipulieren" sind und sexueller Missbrauch im Unterschied zu Misshandlung keine Spuren hinterlässt, sei es laut Rupp durchaus möglich, dass das Umfeld nichts von dem Missbrauch mitbekommt. "Manche präsentieren sich als liebende Familienväter, involvieren sich offiziell in die Kinderbetreuung und nutzen die Zeit, wo die Mutter abwesend ist." Manche Mütter hätten vielleicht ein komisches Gefühl, das sie aber nicht verifizieren können. Andere Mütter haben selbst einen Missbrauch erlebt, den sie nie bearbeitet haben und so weder auf ihre eigene Geschichte noch auf den Missbrauch ihrer Kinder schauen können. (APA)