Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 14.10.2017


Osttirol

56-Jähriger wegen Verleumdung in Lienz vor Gericht: Freispruch

Ein Mann behauptete, der Chef seiner Freundin habe diese sexuell belästigt. Gericht fällte einen Freispruch.

© Oblasser



Von Catharina Oblasser

Lienz – Ein Freispruch im Zweifel: Das war das Ergebnis nach eineinhalb Stunden Verhandlung am Lienzer Bezirksgericht. Dort musste sich ein 56-jähriger Mann, der in Lienz lebt, vor Richter Benjamin Dobler verantworten – wegen Verleumdung eines Gastwirtes aus dem Raum Lienz. Die Behauptung des 56-Jährigen: Der Gastwirt habe eine Freundin des Mannes, die beim Wirt als Kellnerin arbeitete, sexuell belästigt. Besagte Kellnerin war als Zeugin vorgeladen.

Gleich vorweg: Vor Gericht ging es nicht darum, ob die angebliche sexuelle Belästigung stattgefunden hat oder nicht. Aus den Aussagen der Kellnerin bei der Polizei war hervorgegangen, dass es diese Belästigung nie gegeben hat. Thema war nur die Anklage gegen den 56-Jährigen.

Zu seinen Unterstellungen gibt der Mann vor Gericht an, die befreundete Kellnerin habe ihn angerufen und sich über ihren Arbeitgeber beklagt. Aus ihren Worten hat er offenbar auf eine sexuelle Belästigung geschlossen. Das dürfte er bei einem Besuch des betreffenden Gasthauses auch einem Bekannten erzählt haben, der ebenfalls als Zeuge vorgeladen war.

Der Zeuge: „„Er hat zu mir gesagt: ,Weißt du schon das Neueste? Der Chef belästigt die Kellnerin sexuell.’“

Den Sachverhalt zu erforschen, war Schwerstarbeit für den Richter. Fest steht, dass der 56-Jährige gemeinsam mit der Kellnerin beim Sprechtag von Bezirkshauptfrau Olga Reisner auftauchte. Dazu gibt es einen Aktenvermerk der BH. Demnach haben die beiden der Bezirkshauptfrau mitgeteilt, dass die Frau von ihrem Arbeitgeber sexuell belästigt werde. Reisner leitete diesen Vorwurf an die Polizei weiter. Dort löste sich dieser in Luft auf.

Nun versuchte das Gericht zu klären, wer die Behauptung der sexuellen Belästigung in die Welt gesetzt hatte: vergeblich. Zwar räumten sowohl der Angeklagte als auch die Kellnerin ein, gemeinsam zum Sprechtag auf die BH gegangen zu sein. Die Idee dazu habe der 56-Jährige gehabt.

Doch was dort gesagt oder nicht gesagt worden war, und vor allem von wem, blieb unklar. Die Antworten der beiden waren ausweichend. „Ich habe das von der Belästigung nicht gesagt“, meint der Angeklagte. „Die Freundin hat mit der Bezirkshauptfrau geredet, aber ich weiß nicht mehr, was sie zu ihr gesagt hat.“

Die Kellnerin weist zuallererst darauf hin, dass sie mit dem Angeklagten befreundet sei, aber keine Beziehung mit ihm habe. Das Telefonat mit dem 56-Jährigen und die Klagen über ihren Chef bestätigt sie, aber: „Ich habe am Telefon nur gesagt, dass der Chef ,lästig‘ ist.“ Laut ihren Aussagen war es der 56-Jährige, der gegenüber Reisner von den sexuellen Belästigungen durch den Gastwirt gesprochen hat. „Da habe ich zu ihm gesagt, er soll das lassen.“ Im Aktenvermerk der BH findet sich von der Aufforderung der Kellnerin allerdings nichts.

Der Richter sprach den Angeklagten im Zweifel frei. Verleumdung liegt nämlich nur vor, wenn der Beklagte auch weiß, dass seine Behauptungen falsch sind. Und eben das ließe sich nicht beweisen.




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