Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 11.11.2017


Exklusiv

Innsbruck: Heiße Spur zum vierten Juwelier-Räuber

Nach dem Überfall auf ein Schmuckgeschäft ist die Polizei einen Schritt weiter. Die Ermittler sind zuversichtlich, den flüchtigen Täter bald ausforschen zu können.

©



Von Thomas Hörmann

Innsbruck – Seit dem Überfall auf einen Innsbrucker Innenstadt-Juwelier sitzen drei Täter in U-Haft, vom vierten fehlte zunächst jede Spur. Doch das hat sich mittlerweile geändert. „Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir den Fall vollständig klären können“, bestätigt Ermittler Albert Maurer vom Landeskriminalamt: „Man kann also durchaus sagen, dass wir eine heiße Spur verfolgen.“ Eine heiße Spur, die nach Estland im Baltikum führt. Anders ausgedrückt: „Wir konnten einen estnischen Staatsbürger ausforschen, der der vierte Täter sein kann“, sagt Maurer. „Ob er es tatsächlich ist, ist nicht eindeutig klar. Wir warten noch auf einige Ermittlungsergebnisse.“

Der Überfall hat am 24. Oktober für großes Aufsehen in der Innsbrucker Innenstadt gesorgt. Um 10.08 Uhr betraten vier teils vermummte Männer ein bekanntes Juweliergeschäft in der Maria-Theresien-Straße. Zwei Täter richteten ihre Faustfeuerwaffen auf die Mitarbeiterinnen, die Komplizen zertrümmerten mit der Axt eine Vitrine und begannen mit dem Einsammeln der hochpreisigen Uhren.

Ein beherzter Wachmann, der das Geschehen auf einem Monitor im Hinterzimmer verfolgen konnte, durchkreuzte die Pläne der Räuber. Der hauptberufliche Justizwachebeamte schritt ein und feuerte sofort zwei Schüsse ab. Ein Projektil durchschlug die Schulter eines Räubers. Die überrumpelten Männer ergriffen überstürzt die Flucht und teilten sich dabei auf. Der Security-Mann nahm die Verfolgung auf. In der Erlerstraße machte er Passanten auf einen flüchtigen Täter aufmerksam. Die Helfer überwältigten den Mann – erste Festnahme. Zwei Komplizen flüchteten mit einem Taxi ins Oberland und gerieten in eine Polizeikontrolle – zweite und dritte Festnahme. Der vierte Räuber konnte allerdings entkommen. Obwohl der Polizeihubschrauber noch stundenlang über Innsbruck kreiste, obwohl Dutzende Polizisten die Ausfallstraßen überwachten, blieb der Mann wie vom Erdboden verschluckt.

Daran hat sich nichts geändert. „Der Aufenthaltsort der vierten Person ist nach wie vor unbekannt“, sagt Maurer. Nicht aber der Name des Mannes.

Nach der Festnahme des Trios war bald klar, dass die Männer aus Estland stammen. Es lag also nahe, auch den flüchtigen Komplizen dem baltischen Staat zuzuordnen. Zudem hatten die Beamten Fotos aus Überwachungskameras zur Verfügung, auf denen Räuber Nr. 4 recht deutlich zu sehen ist. Fotos, die in der Folge nicht um die Welt, aber durch halb Europa gingen. „Es gibt einen umfangreichen internationalen Schriftverkehr“, sagt Maurer. „Über Interpol erhielten wir dann konkrete Hinweise.“ Für die Ausstellung eines Europäischen Haftbefehls sei es allerdings noch zu früh, „weil noch einige Ermittlungsergebnisse ausständig sind“.

Zurück zu den Komplizen, die seit über zwei Wochen in der Innsbrucker Justizanstalt in U-Haft sitzen. Für mutmaßliche Schwerverbrecher aus Osteuropa gaben sich die Männer bisher vergleichsweise kooperativ: „Teilgeständnisse liegen vor“, sagt Maurer. Zumindest räumen die Esten ein, im Juweliergeschäft gewesen zu sein. Aber beim Zweck des Besuchs scheiden sich die Geister. „Teils geben sie die Raubabsicht zu, teils nicht.“

Der Chef des Raubreferats geht davon aus, dass die Täter Hintermänner hatten. Schon allein deshalb, weil hochpreisige Uhren sonst nur schwer zu verkaufen sind. Aber zu diesem Thema schwiegen die U-Häftlinge bisher. Und auch zu ihrem flüchtigen Komplizen fiel den Balten vorerst nichts ein. Unklar ist auch, wie, wann und von wem das Juweliergeschäft vor dem missglückten Überfall ausgekundschaftet wurde. „Wir haben keinen Hinweis, dass die Beschuldigten im Geschäftslokal spioniert haben“, sagt Maurer. Die Auswertung der Überwachungsvideos habe zu diesem Thema keine Erkenntnisse ergeben.