Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 18.12.2017


Exklusiv

Heimische Gerichtsdolmetscher schlagen Alarm

Die Gerichtsdolmetscher beklagen unzureichende Tarife für Übersetzungen.

Ohne Dolmetscher fände oft keine Gerichtsverhandlung statt. Zertifizierte Kräfte sind aber mittlerweile Mangelware.

© APA/HELMUT FOHRINGEROhne Dolmetscher fände oft keine Gerichtsverhandlung statt. Zertifizierte Kräfte sind aber mittlerweile Mangelware.



Von Reinhard Fellner

Wien, Innsbruck – Für Laien kaum ersichtlich, spielen Sachverständige und Dolmetscher für die Justiz eine überaus große Rolle. So können Zivilurteile nicht allzu oft gefällt werden, ohne dass zuvor ein Sachverständiger Strittiges gutachterlich objektiviert. Speziell im Strafrechtsbereich geht hingegen ohne Gerichtsdolmetscher kaum noch etwas. Was diese übersetzen, wird protokolliert und ist Urteilsbasis. Obwohl somit eine tragende Säule der Justiz, behandelt diese zertifizierte Dolmetscher stiefmütterlich. Was schon lange hinter vorgehaltener Hand kommuniziert wurde, fasste Christine Springer, Präsidentin des Verbands der Gerichtsdol­metscher, nun gegenüber der TT in Worte. So gab es im Gebührenanspruchsgesetz seit zehn Jahren keine Indexanpassung mehr. Dazu wurden die oft seitenweisen mündlichen Rückübersetzungen auf 20 Euro pauschaliert – brutto, versteht sich. Und auch sonst stellt sich die Vergütung der meist akademischen Übersetzungsleistung durch geprüfte und zertifizierte Dolmetscher nicht rosig dar: Brutto 24,50 Euro zahlt die Justiz für die erste halbe Stunde, danach 12,40 Euro – Quasi-Dauerbereitschaft und schwierige Tagesplanung (ausgefallene oder weit überzogene Verhandlungen) inkludiert. Springer: „Wenn sich das nicht bald ändert, sehen die Zukunftsaussichten sehr schlecht aus.“ Die Situation ist doppelt drastisch. Jüngere Sprachkundige legen die aufwändige Dolmetschprüfung erst gar nicht mehr ab, bereits zertifizierte sind wiederum oft nicht mehr bereit, für diese Tarife zu arbeiten.

Dies führte laut Springer zur bedenklichen Entwicklung, dass für Übersetzungen immer öfter Laiendolmetscher kurzfristig für eine Verhandlung beeidet werden. Mit bedenklichen Folgen, wie auch der Innsbrucker Rechtsanwalt Vedat Gökdemir aufzeigt. Der Türkischstämmige ist derzeit Tirols einziger Anwalt, der zugleich auch ausgebildeter Dolmetscher ist und deshalb in der Lage ist, die Übersetzungsleistung nicht-zertifizierter „Kollegen“ zu bewerten. Gökdemir: „Da wird teilweise so ungenau oder schlicht falsch übersetzt, dass ich schon eingreifen musste. Die Richter müssen jedoch natürlich auf die Korrektheit solcher Übersetzungen vertrauen.“ Gökdemir: „Der Einsatz solcher unausgebildeter Kräfte ist so, als könne man als Jurist ohne Prüfung auch als Rechtsanwalt oder Richter arbeiten. Das ist doch unvorstellbar.“