Letztes Update am Do, 08.02.2018 23:08

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Syrien

US-geführter Angriff: Dutzende syrische Regierungskämpfer getötet

Menschenrechtler sprechen von 45 Toten. Syrien verurteilt die Luftangriffe als „Kriegsverbrechen“. Bei syrischen Luftangriffen auf ein Rebellengebiet in der Nähe der Hauptstadt Damaskus kamen 60 Zivilisten ums Leben.

© AFPBei US-geführten Luftangriffen auf syrische Regierungskämpfer kamen mindestens 45 Menschen ums Leben.



Damaskus – Die US-geführte Militärkoalition hat bei einem der bisher blutigsten Angriffe auf regierungstreue Kämpfer in Syrien dutzende Menschen getötet. Ein US-Militärvertreter in Washington sprach am Donnerstag von mehr als hundert getöteten Kämpfern, die zuvor Stellungen der mit den USA verbündeten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) attackiert hätten. Damaskus sprach von einem „Kriegsverbrechen“.

Derweil wurden bei Angriffen auf die Rebellenhochburg Ost-Ghouta erneut dutzende Zivilisten getötet.

Menschenrechtler sprachen von 45 Toten

Laut dem US-Militärvertreter hatten die Regierungstruppen das SDF-Hauptquartier in der Provinz Deir ez-Zor mit Panzern und Artillerie beschossen. Daraufhin habe die US-geführte Koalition in der Nacht zu Donnerstag zur „Selbstverteidigung“ einen Gegenangriff mit Kampfflugzeugen und Artillerie gestartet. Die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte sprach von 45 Toten auf Seiten der Regierungstruppen.

Die Angriffe bestätigten „die schändlichen Absichten der Amerikaner hinsichtlich Syrien und dessen Souveränität“, urteilt das syrische Außenministerium.
- AFP

Die Regierung in Damaskus verurteilte ein „Kriegsverbrechen und ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Diese Angriffe bestätigten „die schändlichen Absichten der Amerikaner hinsichtlich Syrien und dessen Souveränität“, schrieb das syrische Außenministerium in einem Brief an UN-Generalsekretär Antonio Guterres und den Vorsitz des UN-Sicherheitsrates.

Türkei stößt „Grenzschutztruppe“ sauer auf

Bei den SDF handelt es sich um ein kurdisch-arabisches Bündnis, das von den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) dominiert wird. Die USA gehen mit den SDF derzeit gegen die letzten IS-Kämpfer vor, wollen aber auch nach dem Sieg über die Dschihadisten an dem Bündnis festhalten und mit der SDF eine „Grenzschutztruppe“ aufbauen.

Dies stößt nicht nur in Damaskus, sondern auch in Ankara auf scharfe Kritik, da die Türkei eine weitere Stärkung der syrischen Kurden verhindern will und in der YPG den syrischen Zweig der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) sieht.

Türkischer Angriff in Afrin „Aufwärmübung“

Die türkische Armee geht seit Jänner gegen YPG-Kämpfer in der nordwestlichen Region Afrin vor. Präsident Recep Tayyip Erdogan sagte am Donnerstag, das bisherige Vorgehen in Afrin sei nur eine „Aufwärmübung“, in den kommenden Tagen werde es „weitere Schritte“ geben. Er hatte schon wiederholt gedroht, die Offensive auch auf die Stadt Manbij auszudehnen.

Anders als in Afrin sind in Manbij US-Soldaten zur Unterstützung der SDF-Einheiten stationiert. Ein türkischer Angriff könnte damit zu einer direkten Konfrontation zwischen den Nato-Partnern führen. Um dies zu vermeiden, werden kommende Woche US-Außenminister Rex Tillerson und Sicherheitsberater H.R. McMaster zu Gesprächen in die Türkei reisen.

Ankara teilte am Donnerstag zudem mit, dass Erdogan bei einem Telefonat mit dem russischen Staatschef Wladimir Putin vereinbart habe, dass sie demnächst in Istanbul mit dem iranischen Präsidenten Hassan Rouhani zu einem Dreiergipfel zusammenkämen. Auch mit Rouhani habe sich Erdogan telefonisch über ein solches Treffen verständigt. Die drei Länder setzen sich seit Anfang 2017 für eine politische Lösung des Syrien-Konflikts ein.

60 Tote bei Syrischem Luftangriff

Syriens Luftwaffe hat erneut ein Rebellengebiet nahe der Hauptstadt Damaskus angegriffen und dabei Beobachtern zufolge mindestens 60 Zivilisten getötet. Der schwerste Angriff am Donnerstag, bei dem allein 22 Menschen gestorben seien, habe dabei einen Markt in der Stadt Arbin getroffen, berichtete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte, Damit seien in den vergangenen vier Tagen mindestens 210 Zivilisten durch den Regierungsbeschuss im Rebellengebiet gestorben, so die Beobachtungsstelle, die ihre Informationen von einem breiten Netzwerk in Syrien bezieht.

Das US-Außenministerium unterstützte in einer Stellungnahme die UN-Forderung nach einem Waffenstillstand in Ost-Ghouta. Die gemeinsamen Angriffe der syrischen Regierung und russischer Streitkräfte „müssen jetzt aufhören“, sagte Sprecherin Heather Nauert.

Der russische UN-Botschafter Wassili Nebensia bezeichnete eine solche Waffenruhe aber als „nicht realistisch“. Russland sei zwar für eine Waffenruhe; er sei aber nicht sicher, dass „die Terroristen“ einverstanden seien.

Der UN-Sicherheitsrat wollte später am Donnerstag hinter geschlossenen Türen über die humanitäre Lage sprechen, nachdem die UN-Vertreter in Damaskus eine einmonatige Kampfpause gefordert hatten, um Hilfslieferungen zu erlauben. Allein in Ost-Ghouta leben rund 400.000 Menschen seit Jahren unter Belagerung, landesweit sind 13 Millionen Menschen auf Hilfe angewiesen. (APA/AFP/dpa)




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