Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 17.05.2018


Tirol

17-Jähriger in Imst erstochen: Mädchen Motiv für Bluttat?

Das Opfer aus Vorarlberg wird am Freitag beigesetzt. Der Beschuldigte schweigt weiter zum Tatablauf.

© zeitungsfoto.atPolizei nahe des Tatortes in Imst.



Imst – Der 17-jähriger Vorarlberger, der Sonntagnacht bei einer Gewalttat in Imst ums Leben kam, wird am Freitag beigesetzt. Bei der Trauerfeier am Friedhof Hasenfeld in Lustenau ist mit großer Anteilnahme zu rechnen – die Familie, Freunde, Arbeitskollegen und Schulkameraden haben bereits ihre Trauer in vier Todesanzeigen zum Ausdruck gebracht.

Das Motiv und die genauen Umstände, die zum gewaltsamen Tod von „Keshi“ (so der Spitzname des Opfers) geführt haben, sind nach wie vor unklar: Der mutmaßliche Täter, ein 19-jähriger Imster türkischer Herkunft, und seine drei Freunde „entschlagen sich weitgehend der Aussage“, erklärt Katja Tersch, stv. Leiterin des Landeskriminalamtes. Und auch die beiden Freunde des 17-Jährigen konnten bisher angeblich kein Licht ins Dunkel bringen.

Etwas mehr ist bei den Imster Türken zu erfahren. „Es ging um ein Mädchen“, heißt es dort. Ein Mädchen, an dem offenbar Opfer und Beschuldigter interessiert waren. Der 17-jährige Vorarlberger soll am Samstagabend eigens nach Imst gefahren sein, um die Jugendliche am „Project X“-Fest zu treffen. Und das sorgte für Ärger mit dem 19-jährigen Imster. Die Rivalen seien sich im Laufe der Party-Nacht mehrfach in die Haare geraten, „immer wieder kam es zu Rangeleien“, erzählt ein Landsmann des Mordverdächtigen. Am Parkplatz vor dem Veranstaltungsort fand die Auseinandersetzung gegen 5.20 Uhr ein tragisches Ende: Dort sollen der 19-Jährige und seine drei Freunde das Vorarlberger Trio abgepasst haben. Minuten später starb der 17-Jährige durch einen Messerstich in die Brust, sein Freund hatte einen Armbruch erlitten.

Zwar sei das Messer in manchen Kulturen ein ständiger Begleiter, der Migrationshintergrund des mutmaßlichen Täters ist für die Wiener Kriminalpsychologin und Gerichtsgutachterin Sigrun Roßmanith aber in konkretem Fall nicht zwingend entscheidend. „Es ist vielmehr so, dass heutzutage Jugendliche grundsätzlich ihrer Wut einfach freien Lauf lassen und sich nicht mehr kontrollieren. Und daher sticht man auch schneller zu“, sagt Roßmanith. Sie sieht das „gestiegene Aggressionspotenzial“ als ein „Zeichen der Zeit“.

„Jugendliche lassen heutzutage ihrer Wut viel eher freien Lauf und stechen auch schneller zu", sagt Sigrun Roßmanith 
(Kriminalpsychologin).
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In der heutigen Gesellschaft, die einerseits von Wohlstand und andererseits von gestiegenen Anforderungen an die Jugend gesprägt sei, „zählt nur noch das Niedermachen, Beherrschen und Zerstören“. Dies fange bei Hasspostings im Internet an und führe hin bis zu tödlichen Messerstechereien.

Warum aber nimmt jemand ein Messer mit zu einer Party? Roßmanith: „Einige bewaffnen sich aus Angst vor Übergriffen. Andere nutzen das Messer als verlängerter Arm. Um zu verdeutlichen, wie wehrhaft sie sind.“ (tom, bfk)