Letztes Update am Mi, 13.06.2018 06:46

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Bezirk Imst

Fast eine Million Beute bei mysteriösem Überfall in Nassereith

Falsche Polizisten stoppten bei Nassereith zwei deutsche Schmuckhändler, in deren Pkw über 900.000 Euro versteckt waren.

© Thomas BöhmSymbolfoto



Von Thomas Hörmann

Innsbruck – Zwei falsche Polizisten, eine enorme Beute und mit großer Wahrscheinlichkeit jede Menge Insiderwissen: Das sind die Eckdaten eines mysteriösen Coups, der zu den größten in der Tiroler Kriminalgeschichte zählt. Immerhin sollen in der Nacht zum Montag bei Nassereith Goldbarren und Bargeld im Gesamtwert von rund 900.000 Euro verschwunden sein. Ermittlungsleiter Albert Maurer vom Landeskriminalamt hofft jetzt auf Zeugen.

Schauplatz des Überfalls war die Zufahrt zum Holzleiten-Sattel bei Nassereith. Die Opfer: zwei deutsche Geschäftsleute türkischer Abstammung, 35 und 37 Jahre alt, die auf dem Weg nach Italien waren. Die Schmuckhändler aus Duisburg wollten offenbar zu einem Geschäftstermin, im Gepäck 400.000 Euro in bar und Goldbarren für eine halbe Million.

Gegen 1.30 Uhr wurde die Fahrt unterbrochen. Von vermeintlichen Polizisten in einer Zivilstreife, hinter deren Windschutzscheibe das Wort „HALT“ rot aufleuchtete. Die Schmuckhändler ließen sich täuschen: „In der Annahme, es würde sich um eine Polizeikontrolle handeln, lenkte der Geschäftsmann das Fahrzeug an den Straßenrand und öffnete das Fahrerfenster“, heißt es im Polizeibericht.

Ein Fehler: Der falsche Beamte, der als Erster den Wagen erreichte, nebelte die beiden Insassen sofort mit Pfefferspray ein. Ein zweiter und ein dritter Täter tauchten auf. „Die Opfer konnten kaum noch etwas sehen“, schildert Maurer. Die Räuber hatten keine Mühe, die Schmuckhändler mit Elektroschockern in Schach zu halten. Mit Klebeband fesselten sie die Opfer an die Autositze. Dann stahlen sie die beiden Taschen mit dem wertvollen Inhalt. Ein grundsätzlich schwieriges Unterfangen – Geld und Gold sollen gut versteckt gewesen sein. Dennoch kamen die Täter rasch zum Ziel. Mit einem dunklen viertürigen Kleinwagen ergriffen die Räuber die Flucht. Vermutlich in Richtung „Mieming, Mötz, Silz“, meldet die Polizei.

Die Deutschen konnten sich selbst ihrer Fesseln entledigen: „Wie lang das gedauert hat, konnten die Opfer nicht genau sagen, aber es ging recht schnell“, geht Maurer von etwa zehn Minuten für die Befreiung aus: „Sie haben dann Passanten angehalten und gebeten, die Polizei zu verständigen.“ Aber auch das dauerte etwas – „der Überfall fand ja gewissermaßen in der Pampa statt“, so der Ermittlungsleiter weiter. Die nur leicht verletzten Duisburger warteten nicht an Ort und Stelle auf die Polizei, sondern fuhren zur nächsten Tankstelle. Dort trafen sie auf die Beamten. Eine Alarmfahndung war die Folge. Die blieb aber ohne Ergebnis. Kein Wunder – die Täter dürften bereits eine halbe Stunde Vorsprung gehabt haben.

Damit liegt es an Maurer und seinem Team, den Fall zu klären. Auf den ersten Blick eine harte Nuss, die Opfer konnten nicht einmal genau sagen, ob drei oder vier Täter am Werk waren. Ein Räuber ist über 50, hat eine Glatze, das Trio oder Quartett sprach angeblich Deutsch mit russischem Akzent. „Wir hoffen jetzt auf Zeugen, denen im Bereich Nassereith – Holzleiten-Sattel etwas aufgefallen ist. Jede Beobachtung zählt“, sagt Maurer, der derzeit mehrere Ermittlungsansätze verfolgt: „Einerseits werten wir die Spuren aus, das wird aber noch dauern. Andererseits schauen wir uns das Umfeld der Geschäftsleute an.“ Denn eines ist für das Ermittlerteam klar: Es war kein Zufall, dass die Täter ausgerechnet zwei Schmuckhändler mit fast einer Million im Wagen erwischten. „Daher gehen wir von Insiderinformationen aus.“ Anders ausgedrückt: Die Räuber wussten, wen sie anhalten. Auch wenn Maurer kein Wort darüber verliert, ist auch ein fingierter Coup grundsätzlich nicht ausgeschlossen. Dass „Opfer“ und „Räuber“ zusammenarbeiten, kommt vor.

Mit 900.000 Euro Beute liegt der Überfall von Nassereith auf Rang vier der Tiroler Bestenliste. Hinter dem Einbruch in eine Geldtransportfirma (2,7 Mio. Euro, 2014), aber noch vor dem legendären Flughafen-Diebstahl (800.000 Euro, 1987).