Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 14.06.2018


Exklusiv

Babys unter Dusche verbrüht: Haft für Innsbrucker

Zweieinhalb Jahre Gefängnis setzte es für einen 29-jährigen Innsbrucker, der zwei elf Monate alten Mädchen Verbrühungen zweiten Grades zugefügt hatte. Die Mutter reagierte zu spät.

© APA (dpa/Oliver Berg)Symbolfoto



Von Reinhard Fellner

Innsbruck – Es handelte sich gestern am Landesgericht um eine Alltagsgeschichte, die Fassungslosigkeit ausgelöst hatte. Ein im August in Innsbruck wohnhaftes Pärchen war wegen Quälens und Vernachlässigens unmündiger Personen angeklagt, nachdem beide mit den elf Monate alten Zwillingen der Frau in die Klinik gekommen waren. Nicht ohne Grund: wiesen die zwei kleinen Mädchen doch schlimme Verbrühungswunden im Gesichts-, Schulter- und Brustbereich auf. Der herbeigerufene Gerichtsmediziner Walter Rabl stellte darauf Verbrühungen zweiten Grades und bei einem der Mädchen eine hitzebedingte Hornhautbeschädigung am rechten Auge fest.

Was war mit den kleinen Zwillingsschwestern passiert? Schon nach Erstaussagen war klar, dass der Freund der Mutter die Mädchen vor dem Schlafengehen noch abgeduscht hatte, während sich die 25-Jährige um ihre kleinste Tochter gekümmert hatte. Eltern dreht sich beim folgenden Ablauf der Magen um: So schilderte der Mann vor der Polizei, dass er das erste Mädchen in die Duschtasse gesetzt, es trocken mit Shampoo eingeseift und dann das Wasser aufgedreht habe. Dummerweise nur den Hahn für das heiße Wasser. „Des tut mir leid, das Dazudrehen von kaltem Wasser habe ich vergessen“, äußerte sich der Angeklagte gestern vor Strafrichter Norbert Hofer. Geschrien hätten die Mädchen im Wasser ohnehin immer – und dass das Wasser heiß gewesen sei, sei zumindest ihm nicht aufgefallen.

Ermittlungen ergaben, dass es wohl mit 70 Grad aus dem Boiler geflossen war. Die gleiche Tortur wiederholte sich beim zweiten Schwesterchen. Schon vor der Polizei erkannte der Angeklagte jedoch keinen Fehler: „Ich habe das Mädchen halt geduscht, wie einen Hund!“ Erst als den Mädchen beim Trockenreiben ganze Hautteile abgingen, informierte er die Mutter über eine wohl etwas zu heiße Dusche. Obwohl unweit der Klinik wohnhaft, schickte die Frau den 29-Jährigen darauf nur zur Apotheke, um eine heilende Bepanthen-Salbe zu holen. Schmerzen der verbrühten Mädchen wurden weder wahrgenommen, noch etwas dagegen unternommen. Staatsanwältin Adelheid Steiner stieß sich schon am Umstand, dass eine Mutter mit so kleinen Kindern keine solche Salbe im Haushalt hat. Erst am nächsten Morgen sah die Frau an den verbrühten und geröteten Gesichtern, dass es nun wohl doch Zeit für einen Arzt wäre. „Was hast du da angestellt?“, entfuhr es der Frau.

Später in der Klinik fertigte das Krankenpersonal dann jedoch Aktenvermerke darüber an, dass die Mutter mehr an ihrem Handy als am Kindeswohl interessiert sei. So habe die Frau Hunger und volle Windeln ignoriert und sei erst nach Aufforderung durch das Pflegepersonal ihren Pflichten nachgekommen. Selten sei es zudem passiert, dass eine Mutter sich nicht gleich bereit­erklärte, über Nacht bei den Kleinstkindern auf der Station zu bleiben, sondern erst am nächsten Tag nach Erledigungen in die Klinik kam. Verteidiger Ruben Steiner plädierte dennoch für eine milde Sicht auf seine Mandantin: „Hätte sie als Mutter den wahren Verletzungsgrad am Abend erkannt, hätte sie doch sofort gehandelt. Da die Kinder aber ruhig schliefen, hat sie an Abschürfungen gedacht. Ihr tut die Sache unendlich leid!“ Als zusätzlich mildernd sah es RA Steiner an, dass die Zwillinge der 25-Jährigen abgenommen und in die Obhut von Verwandten gegeben worden waren.

Gerichtsmedizinerin Marion Pavlic bezweifelte anhand des Verletzungsbildes wiederum den geschilderten Duschvorgang: „Da hätten die Mädchen noch massivere Verbrühungen erlitten.“ Im Raum steht, ob der Mann die Zwillinge nicht mit den Schultern voran mit einem brühend heißen Waschlappen abgewaschen hatte. Trotzdem hatten die Mädchen noch Glück: Die Verletzungen könnten sich ohne Narbenbildung auswachsen.

Richter Hofer, selbst Vater und Rettungssanitäter, zum Erstangeklagten: „Sie haben hier Kindern unnötige Schmerzen zugefügt. Wäre das Wasser länger gelaufen, wären sie wohl ein Leben lang entstellt gewesen!“ Zweieinhalb Jahre Haft ergingen darauf nicht rechtskräftig über den 29-Jährigen. Die Mutter nahm sechs Monate bedingte Haft sofort an. Kinderkurator RA Christian Hübner bekam für die Mädchen je zweifach 1800 und 2000 Euro Schmerzensgeld zugesprochen.


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