Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 11.09.2018


Bezirk Reutte

Beleidigende Flugblätter verteilt: Wildes Schimpfen auf “Piefke“

Flugblätter am Baggersee in Weißenbach und entlang des Lechwegs: TVB-Geschäftsführer Ronald Petrini ist entsetzt, Bezirkspolizeichef Egon Lorenz bittet Bevölkerung um Mithilfe.

© Mittermayr HelmutBäume am Lechweg waren voll mit beleidigenden Botschaften.



Von Helmut Mittermayr

Weißenbach – Der Baggersee in Weißenbach ist ein Idyll, was sich nicht nur bei Einheimischen herumgesprochen hat. Im heißen Sommer steuerten auch unzählige Deutsche das saubere, kühle Nass an, das aus Lechgrundwasser gespeist wird. Gerade auch, weil heuer viele Allgäuer dem Forggensee ausweichen mussten, der wegen einer Staumauersanierung nicht aufgestaut werden konnte. Rund um den Baggersee war oft weit und breit kein Parkplatz mehr zu finden, so groß war der Andrang.

Einem oder mehreren Unbekannten wurde es jedenfalls zu viel und sie oder er griffen in die unterste Schublade. An Pkw und Wohnmobilen mit deutschen Kennzeichen wurden große Zettel mit der Überschrift „Piefke bleib zu Hause“ angebracht. Die Windschutzscheiben waren mit den Liebesgrüßen vollgepflastert. Kurioserweise traf es auch Einheimische, die im Allgäu leben und deshalb ein deutsches Kennzeichen führen (müssen). In der Botschaft wurde den „Piefke“ eine Abreibung verpasst – angeblich im Namen aller Tiroler. „Piefke bleib zuhause“ heißt es gleich in der Überschrift. Und weiter: „1. Ihr habt eh kaum Geld zum Ausgeben und bringt nur billige und ungesunde Lidl-Brotzeit mit. Vor allem die Allgäuer und andere Grenzgänger. 2. Wir brauchen und wollen euch Deutsche in Tirol/Österreich nicht!! Merkt ihr das nicht!? Ihr verursacht bei uns im Land nur Lärm, Staus, Müll, Dreck und schlechte Laune. Wir mögen euch wirklich nicht! Kapiert das doch endlich.“ Auch leicht abgeänderte Versionen wurden angefertigt (siehe Faksimile). In einem weiteren Schriftstück wurden auch deutsche Niederlagen im Fußball ausgeschlachtet. Ganze Myriaden gleichlautender Zettel wurden auch auf Bäumen entlang des Lechwegs im Lechtal entdeckt.

Piefke-Saga auf Außerfernerisch: Diese „Botschaft“ wurde am idyllischen Baggersee in Weißenbach auf Autoscheiben parkender Pkw mit deutscher Nummer verteilt.
- Mittermayr

Während die meisten nur den Kopf schüttelten, ärgerten sich manche Deutsche derart, dass sie den Weg zur Polizei und Tourismusverband in Reutte fanden.

Bezirkspolizeikommandant Egon Lorenz bestätigt den Eingang von Anzeigen. Er glaubt persönlich nicht, dass die Schmähungen eine strafrechtliche Relevanz haben könnten. Das müsse die Staatsanwaltschaft beurteilen. „Aber die Wirkung ist eine katastrophale!“, sagt Lorenz. Sicherlich bestehe Meinungsfreiheit in Österreich, aber das geht dem obersten Außerferner Polizisten zu weit. „Wir sind ein Tourismusland, in dem sehr viele ihren Lebensunterhalt mit Gästen verdienen.“ So eine Aktion mit der „Verunglimpfung einer ganzen Volksgruppe“ geht für Lorenz „gar nicht“. Das sei ein schwerer Schaden und Imageverlust für die ganze Region. Selbstverständlich werde die Polizei alles unternehmen, um die Person auszuforschen, und er bittet die Bevölkerung um sachdienliche Hinweise, die zum Schreiber führen könnten. „Ob strafrechtlich relevant oder nicht, wir würden in jedem Fall das Gespräch suchen“, erklärt der Polizeichef.

Auch im TVB in Reutte stapelten sich die Flugblätter, die erboste Gäste vorbeigebracht hatten. TVB-Geschäftsführer Ronald Petrini ärgern in diesem Zusammenhang gleich mehrere Aspekte. „Da tut jemand so, als ob er gar im Namen der Außerferner oder Tiroler Bevölkerung spricht. Dem ist klar zu widersprechen. Das ist ein Einzeltäter, mehr nicht. Der ganze Vorfall ist traurig und ärgerlich und läuft allem zuwider, was wir täglich leben.“ Petrini führt aus, wie die beiden Nachbarregionen Außerfern und Allgäu sich austauschen und sich nähergekommen sind. Auch das gemeinsame Idiom, das Alemannische, sei verbindend. Dies könne er auch als Privatperson mit Fug und Recht behaupten. Nach Innsbruck führe übrigens mehr oder weniger nur ein Weg, nach Norden zu den Nachbarn hingegen viele. Und aus touristischer Sicht seien diese Zettel sowieso eine einzige Katastrophe: „Das ruft Unbehagen hervor. Hier wird geschädigt, was von langer Hand aufgebaut worden ist. Die Marke und der gute Ruf sind in Gefahr.“