Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 22.11.2018


Tirol

Feuerteufel in Kundl: Ohne Rücksicht auf Verluste

Der Kundler Serien-Brandstifter zählt für Gerichtspsychiater Haller zu einer sehr seltenen Spezies. Weil er beim Zündeln auch den Tod von Menschen in Kauf nimmt.

Der Carport mit den drei brennenden Autos grenzt unmittelbar an das Haus, in dem eine Familie wohnt. Die Feuerwehr konnte ein Übergreifen der Flammen gerade noch verhindern.

© ZOOM.TIROLDer Carport mit den drei brennenden Autos grenzt unmittelbar an das Haus, in dem eine Familie wohnt. Die Feuerwehr konnte ein Übergreifen der Flammen gerade noch verhindern.



Von Thomas Hörmann

Kundl – Feuerteufel: ein drastischer, vielleicht manchmal zu leichtfertig verwendeter Ausdruck – für den Kundler Brandstifter aber durchaus passend. Weil der derzeit noch unbekannte Täter beim Zündeln auch Menschenleben in Gefahr bringt. Etwa in der Nacht zum Dienstag, als er drei Pkw in einem Carport in Brand steckte. Nur dem raschen Eingreifen der Feuerwehr war es zu verdanken, dass das unmittelbar angrenzende Wohnhaus nicht in Flammen aufging. „Wir schlafen auf der Rückseite des Gebäudes und haben den Brand nicht mitbekommen“, schilderte am Dienstag auch Hausbesitzer Helmut Kofler: „Der Sohn hat uns geweckt.“ Für eine Flucht durch den Hauptausgang war es bereits zu spät, eine Feuerwand versperrte den Weg – die Familie musste den Hinterausgang nehmen.

Walter Pupp, Chef des Landeskriminalamtes, attestiert dem Kundler Serientäter ein sehr „hohes Gefährdungspotenzial“, deutlich höher als beim ebenfalls unbekannten „Kollegen“, der im Sommer bis zu zehn Stadel im Oberland in Brand setzte. Die meisten Objekte standen allein auf weiter Flur, Menschen gerieten kaum in Gefahr.

Für den bekannten Buchautor und Gerichtspsychiater Reinhard Haller eine bei Brandstiftern durchaus übliche Vorgangsweise: „Den Tätern geht es um das Feuer, sie nehmen in der Regel Rücksicht und wollen keine Menschenleben gefährden.“ Ein Verhalten wie das des Kundler Täters sei extrem selten – „in all den Jahren als Gerichtspsychiater hatte ich nur ein oder zwei vergleichbare Fälle“. Der Vorarlberger Experte bezeichnet das Tatmuster des Kundler Brandstifters als „emotional nicht sehr intelligent“. Der Täter leide offenbar unter Gefühlsarmut.

Apropos Tatmuster – auch beim ersten Brand der Kundler Serie in der Nacht zum 23. Oktober waren Menschenleben in Gefahr. Damals zündete der Unbekannte nur einen Steinwurf vom letzten Tatort entfernt einen mit Brennholz gefüllten Schuppen an. Die Flammen griffen zwar auf eine nahe Garage, nicht aber auf das angrenzende Wohnhaus über – die Feuerwehrleute konnten das gerade noch rechtzeitig verhindern. Nur bei der Brandstiftung am 7. November zeigte der Täter so etwas wie „emotionale Intelligenz“. Er steckte einen Firmen-Pkw in Brand, der einsam auf einem Parkplatz beim Eingang der Kundler Klamm stand. Für Menschen bestand keine unmittelbare Gefahr.

Das aktuelle Tatmuster unterscheidet sich auch von der Brandstiftungsserie, die vor sechs Jahren in Kundl für Aufregung sorgte. Die insgesamt fünf Brände betrafen das Schützenheim, ein Gasthaus und in drei Fällen den örtlichen Motocross-Verein. Allesamt unbewohnte Objekte bzw. Gebäude, die nach Hallers Definition durchaus ins übliche Verhaltensmuster eines Brandstifters passen. Der Täter von damals ist ebenfalls noch unbekannt.

Muster hin, Täter her – für Pupp ist es noch zu früh, um auf einen Zusammenhang zwischen den beiden Kundler Serien zu schließen. „Die Vorgangsweisen sprechen gegen eine Verbindung, aber andererseits können Brandstifter ihr Verhalten im Lauf der Jahre ja auch ändern.“ Nichtsdestotrotz seien aus aktuellem Anlass auch die Brandlegungen von 2013 wieder im Fokus der Ermittlungen. Damals waren die Kriminalisten dem Täter bereits auf der Spur. Dass er das Zündeln plötzlich wieder aufgab, hat ihn vermutlich gerettet.

Für Gerichtspsychiater Haller ebenfalls ein ungewöhnliches Verhalten: „Nur etwa 20 Prozent der Brandstifter sind Pyromanen, handeln also aus psychischen Gründen. Das ist wie eine Sucht, sie können nicht aufhören, werden immer unvorsichtiger, bis sie am Ende fast immer erwischt werden.“ Bei 80 Prozent der Brandstiftungen sind Rache, Versicherungsbetrug etc. das Motiv.