Letztes Update am Do, 22.11.2018 14:29

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Prozess in Deutschland

Ex-Pfleger zu Patientenmorden: „Es tut mir wirklich leid“

Es ist eine Liste des Grauens: 100 Patienten soll ein deutscher Krankenpfleger ermordet haben. An ihre Gesichter kann er sich nach eigener Aussage nicht erinnern. Dennoch bereue er jede einzelne Tat, sagt er vor Gericht.

Am ersten Prozesstag vor drei Wochen hatte der Angeklagte die Vorwürfe größtenteils eingeräumt.

© AFPAm ersten Prozesstag vor drei Wochen hatte der Angeklagte die Vorwürfe größtenteils eingeräumt.



Oldenburg – Der Angeklagte versucht angestrengt sich zu erinnern. Lange blickt er auf das Foto vor sich. Dann atmet er hörbar aus und schüttelt den Kopf. 100 Patienten soll der frühere Krankenpfleger ermordet haben. Die Gesichter seiner Opfer wecken bei ihm keine Erinnerungen, wie er sagt, gehen ihm aber sichtbar nahe. Am dritten Prozesstag wendet er sich direkt an deren Familien. „Es tut mir wirklich leid“, sagt er am Donnerstag vor dem Landgericht Oldenburg. „Wenn es einen Weg geben würde, der Ihnen helfen würde, dann würde ich ihn gehen, glauben Sie mir.“

Bereits zu lebenslang verurteilt

Rund 120 Nebenkläger wollen in dem Prozess um die wohl größte Mordserie in der deutschen Nachkriegsgeschichte erfahren, wieso ihre Verwandten sterben mussten. Nach Ansicht der Ermittler spritzte der Angeklagte seinen Opfern an den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst verschiedene Medikamente in tödlicher Dosis, um sie anschließend wiederbeleben zu können. Er habe dies getan, um seine Kollegen mit Reanimationskünsten zu beeindrucken und Anerkennung zu bekommen, begründete der Angeklagte vor Gericht seine Taten. Wegen des Todes von sechs Patienten auf der Delmenhorster Intensivstation sitzt er bereits lebenslang in Haft.

Beim Prozessauftakt vor drei Wochen hatte der mutmaßliche Täter die Vorwürfe aus den Jahren 2000 bis 2005 als größtenteils zutreffend bezeichnet. Am Donnerstag äußerte er sich wie am Verhandlungstag davor ausführlich zu einzelnen Taten in Oldenburg und Delmenhorst. Vor Gericht gestand er in vielen Fällen seine Taten. Bei vielen könne er sich nicht erinnern, schließe diese aber auch nicht aus, sagte er. Bei zwei Patienten bestritt er, für deren Tod verantwortlich zu sein.

„Mehr auf die Monitore als auf Menschen geachtet“

In seiner Aussage geht es vor allem um nüchterne Fakten: Patientenname, Todestag, verwendete Substanz, Krankheitsverläufe. Erst als eine Nebenklage-Anwältin ihm nacheinander zwei Fotos seiner mutmaßlichen Opfer vorlegte, zeigte er Gefühle. „Ich kann nichts gutmachen. Ich entschuldige mich in aller Form persönlich bei Ihnen“, sagte er zu den Angehörigen. Angesichts der Fotos empfinde er Traurigkeit und Schuld – auch wenn er sich an die Gesichter der Patienten nicht erinnern könne. „Ich habe irgendwann angefangen auf dieser Station zu entpersonifizieren. Ich habe mehr auf Monitore geachtet als auf die Menschen.“

Wenn es dem Pfleger damals nicht gelang, Patienten nach von ihm verursachten Krisen wieder zurück ins Leben zu holen, war er nach eigenen Angaben nicht betroffen. Er sei vielmehr überrascht gewesen, sagte er. „Ich habe gedacht, ich kann es auslösen und auch wieder beherrschen.“ Den Tod der Patienten habe er aus heutiger Sicht billigend in Kauf genommen, damals aber keine Schuld gefühlt.

Auch andere Angeklagte und weitere Ermittlungen

Im Prozess sollen später auch Mitarbeiter der beiden Kliniken als Zeugen aussagen. An beiden Kliniken gab es nach Ansicht der Ermittler Hinweise auf die Taten, ohne dass Verantwortliche einschritten. Vier frühere Kollegen am Klinikum Delmenhorst werden sich deshalb wegen Totschlags durch Unterlassen vor Gericht verantworten müssen. Die Ermittlungen gegen fünf ehemalige Klinikmitarbeiter aus Oldenburg laufen noch. (dpa)




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