Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 18.01.2019


Tirol

Immer mehr Tote durch Fentanyl: Schmerzmittel als Todesdroge

Fentanyl ist eigentlich ein Schmerzmittel, spielt aber in der Drogenszene eine immer tödlichere Rolle. Auch in Tirol, wie ein Innsbrucker Gerichtsmediziner bestätigt.

Das Schmerzmittel Fentanyl, in den USA Todesdroge Nr. 1, ist mittlerweile auch in Tirol angekommen.

© AFPDas Schmerzmittel Fentanyl, in den USA Todesdroge Nr. 1, ist mittlerweile auch in Tirol angekommen.



Von Thomas Hörmann

Innsbruck — Fentanyl — für manch schmerzgeplagten Patienten ein Segen. Aber zunehmend auch ein Fluch für die Drogenszene. Das synthetische Opioid, 100-mal stärker als Heroin und laut EU mitverantwortlich für den Anstieg bei den Drogentoten, hat mittlerweile Tirol erreicht. Der Innsbrucker Gerichtsmediziner Walter Rabl schätzt, dass bei mindestens zehn Prozent der Tiroler Todesfälle im Suchtgift-Milieu Fentanyl im Spiel ist. Der Anteil könne auch etwas höher sein. „Wir finden das immer wieder bei den Obduktionen", sagt Rabl.

Dabei scheint Tirol beim Thema Fentanyl beinahe noch eine Insel der Seligen zu sein. Im benachbarten Bayern ist das Super-Heroin aus dem Labor bereits für jeden fünften Drogentoten (20 Prozent) verantwortlich. Ein Wert, der in den USA bestenfalls ein müdes Lächeln ernten würde. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten wird derzeit von der schlimmsten Drogen­epidemie seiner Geschichte heimgesucht. Mitverantwortlich dafür sind Fentanyl und ähnliche Substanzen, die Heroin, Crack und Co. bereits den Rang abgelaufen haben. 2016 starben erstmals mehr Amerikaner durch Fentanyl etc. als durch andere Suchtmittel. Das prominenteste Opfer: Popstar Prince.

Besorgniserregend ist auch der rasche Aufstieg der Todesdroge. Bis 2013 spielte Fentanyl in der amerikanischen Suchtgift-Szene nur eine unbedeutende Nebenrolle.

Mit ein Grund für den Erfolg dürfte die Verfügbarkeit sein. Fentanyl findet vor allem als stark wirksames Schmerzmittel sowie bei der Anästhesie Verwendung. In Tirol gelangt das Opioid hauptsächlich über jene Schmerzpflaster in die Drogenszene, die den gefährlichen Wirkstoff enthalten und Patienten mit starken chronischen Schmerzen verschrieben werden. „Die Pflaster werden von den Suchtkranken abgelutscht oder ausgekocht", weiß Yvonne Riemer von der Drogen­ambulanz der Innsbrucker Klinik. Je nach Vorliebe kann das weiße, geruchslose Pulver oral eingenommen, geraucht oder auch gespritzt werden. Aber unabhängig von der Konsummethode ist die Dosierung das Hauptproblem. „Das Dosieren ist schon bei der Schmerztherapie schwierig", sagt Gerichtsmediziner Rabl: „Eine offene Stelle oder eine Rötung der Haut unter dem Pflaster kann schon dazu führen, dass eine zu große Menge des Wirkstoffs in den Körper gelangt." Wenn unbedarfte Drogenkonsumenten das Super-Heroin in Eigenregie mit der Daumen-mal-Pi-Methode dosieren, kann das schnell tödlich enden. Auch das Zerschneiden des Pflasters in gleich große Stücke ist keine Lösung, da das Fentanyl nicht immer regelmäßig über die Oberfläche verteilt ist. Gelangt eine zu große Meng­e des Opioids in den Körper, kann es zur Verflachung der Atmung bis hin zum Stillstand kommen. Nicht selten ersticken Konsumenten am eigenen Erbrochenen.

Doch wie kommt die Szen­e an die rezeptpflichtigen Schmerzmittel? Jedenfalls deutlich einfacher als an herkömmliches Heroin, das aus dem Drogenmilieu weitgehend verschwunden ist. „Es braucht nur die Oma zu sterben, und der Enkel findet ein paar übrig gebliebene Schachteln mit den Pflastern", nennt Rab­l ein Beispiel. Christia­n Haring, Primar der Haller Psychiatrie, weiß von Patienten, die Schmerzen schlimmer darstellen, als sie sind, um an die begehrten Rezepte zu gelangen. Zudem ist in der Szene bekannt, welche Ärzte etwas schneller zum Rezeptblock greifen.

Auch Mülleimer von Spitälern, Seniorenheimen und Arztpraxen werden von Konsumenten auf der Suche nach den begehrten Pflastern durchstöbert. Dass es sich dabei im Erfolgsfall um gebrauchte Ware handelt, spielt keine große Rolle — selbst Restmengen der Substanz können für den ersehnten Kick sorgen.

Die illegale Drogenindustrie hat mittlerweile reagiert und auf der Basis von Fentanyl Substanzen entwickelt, die sich nur im Detail vom Original unterscheiden. Methyl­fentanyl und Benzylfentanyl sind nur zwei Beispiele für die Kreationen. Wie bei allen anderen illegalen Rauschmitteln spielt das Darknet auch als Bezugsquelle für Fentanyl-Kopien eine Rolle. Zumindest in den Vereinigten Staaten werden die Substanzen auch herkömmlichen Drogen wie Heroin und Kokain beigemengt, um deren Wirkung zu verstärken.