Letztes Update am Fr, 15.03.2019 14:33

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Neuseeland

49 Tote bei Anschlag in Neuseeland: Täter veröffentlichte Hass-Manifest

Ein “rechtsextremer, gewalttätiger Australier“ und weitere Angreifer haben in zwei Moscheen in Christchurch mindestens 49 Menschen erschossen und Dutzende schwer verletzt. Der Angriff wird als Terrorakt gewertet.

Einsatzkräfte vor der Masyid-al-Noor-Moscheein Christchurch.

© AFPEinsatzkräfte vor der Masyid-al-Noor-Moscheein Christchurch.



Christchurch — Bei einem mutmaßlichen Terrorangriff auf zwei Moscheen in Neuseeland sind am Freitag mindestens 49 Menschen getötet worden. Mehrere Dutzend muslimische Gläubige mussten in der Stadt Christchurch mit teils schweren Schussverletzungen ins Krankenhaus gebracht werden. Als mutmaßlicher Haupttäter wurde ein 28-jähriger Australier festgenommen. Er soll am Samstag dem Haftrichter vorgeführt werden.

Zudem gab es zwei weitere Festnahmen. Der genaue Ablauf der Tat war auch nach vielen Stunden noch nicht geklärt. Die Bluttat löste weltweit Entsetzen aus.

Viele Menschen in Neuseeland reagierten geschockt. Premierministerin Jacinda Ardern stufte die Attacken als Terrorismus ein. Sie sprach von einem "terroristischen Angriff" und einem der "dunkelsten Tage" in der Geschichte des Landes. Aus Sorge vor weiteren Angriffen wurden die Sicherheitsvorkehrungen vor anderen Moscheen verschärft. Mit etwa 50.000 Gläubigen sind Muslime im 4,8-Millionen-Einwohner-Land Neuseeland eine kleine Minderheit. Viele sind Einwanderer aus Staaten wie Pakistan oder Bangladesch. Größte Religionsgruppe in Neuseeland ist das Christentum.

Schulen und öffentliche Gebäude abgeriegelt

Für Neuseeland ist es eine der schlimmsten Gewalttaten der jüngeren Geschichte. Aus Sorge vor weiteren Angriffen riegelte die Polizei Schulen und andere öffentliche Gebäude stundenlang ab. An die Bevölkerung - insbesondere an Muslime - appellierte sie, zuhause zu bleiben: "Unter keinen Umständen sollte irgendjemand im Land jetzt zu einer Moschee gehen."

Chef-Ermittler Bush betonte, die Polizei habe im Vorfeld der Tat keine Fehler gemacht. Ardern hatte zuvor gesagt, die Verdächtigen hätten auf keiner Gefährderliste gestanden. Der australische Premierminister Scott Morrison bestätigte, dass einer der Verdächtigen Australier ist. Er sprach von einem "rechtsextremistischen gewalttätigen Terroristen". Im Internet kursierte ein Video der Tat, das von dem 28-Jährigen stammt. Offenbar trug er dabei eine Helmkamera.

Niederlage von Marie Le Pen und Stockholm-Anschlag als Gründe genannt

Nach Augenzeugenberichten begann der Angriff gegen 13.45 Uhr (1.45 Uhr MEZ). Ein bewaffneter Mann drang in eine Moschee in der Innenstadt ein, wo sich mehr als 300 Menschen zum Freitagsgebet versammelt hatten, und schoss mit einer Schnellfeuerwaffe um sich. Zeugen zufolge handelt es sich bei dem Täter um einen weißen Mann, der einen Helm und eine kugelsichere Weste trug. Später fielen auch noch in einer anderen Moschee Schüsse. Es war zunächst unklar, ob bei beiden Moscheen dieselbe Person am Werk war.

Der Angreifer hat seine Tat selbst gefilmt und live ins Internet gestellt. Kurz zuvor veröffentlichte er im Internet ein 73-seitiges Hass-Manifest, aus dem deutlich wird, dass der Angriff Muslimen galt. Nach Analyse der Nachrichtenagentur AFP sind das Live-Video und das rassistische Manifest echt.

Etwa 50.000 Muslime in Neuseeland

In Neuseeland ist nur eine kleine Minderheit der Bevölkerung muslimischen Glaubens. Insgesamt gibt es dort etwa 50.000 Muslime, viele davon Einwanderer aus Staaten wie Pakistan oder Bangladesch. Größte Religionsgruppe in Neuseeland ist das Christentum. Die Stadt Christchurch hat 350.000 Einwohner und liegt auf der Südinsel des Pazifikstaats. Bürgermeisterin Lianne Dalziel sagte: "Alle sind geschockt. Ich hätte nie gedacht, dass so etwas hier passieren kann."

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Als Gründe für seine Radikalisierung nennt der Attentäter die Niederlage der französischen Rechtspopulistin Marine Le Pen bei der Präsidentschaftswahl 2017 sowie den Tod der elfjährigen Ebba Akerlund bei einem islamistischen Lastwagenanschlag in der Stockholmer Fußgängerzone im selben Jahr. In einer ersten Reaktion verurteilte Ebbas Mutter am Freitag den Anschlag allerdings scharf: Die Tat widerspreche allem, für das ihre Tochter stand, sagte Jeannete Akerlund dem Fernsehsender STV. Ebba sei den Menschen zugewandt gewesen: "Sie strahlte Liebe aus, keinen Hass". Sie leide mit allen Familien, die von dem Anschlag in Neuseeland betroffen seien, fügte Akerlund hinzu.

Das Hass-Manifest war mit "The Great Replacement" (Der große Austausch) überschrieben. Der Titel geht auf eine aus Frankreich stammende rechtsextreme Verschwörungstheorie zurück, wonach die Bevölkerung in Europa durch Zuwanderer ersetzt werden soll, deren Geburtenrate deutlich höher sei.

Video wird von Websites entfernt

Die Polizei rief alle Internetnutzer auf, das Video nicht weiterzuverbreiten. Die Aufnahmen wurden von den Websites entfernt, das Twitter-Konto mit dem Manifest wurde gesperrt. Das Profilbild und der Name des Facebook-Kontos, auf dem das Video übertragen wurde, tauchen auch auf dem Twitter-Konto mit dem Manifest auf. Darin beschreibt sich der Täter als 28-jähriger gebürtiger Australier aus einer einkommensschwachen Arbeiterfamilie.

Auf dem Weg zum Tatort hat der Attentäter dem bosnischen Botschafter in Neuseeland zufolge ein serbisch-nationalistisches Lied gehört. Während der Fahrt habe der Täter einen Song über den früheren Serbenführer Radovan Karadzic gehört, sagte der Botschafter Mirza Hajric dem Sender N1 TV.

Erhöhte Sicherheitsmaßnahmen in Frankreich und Großbritannien

Frankreich und Großbritannien haben nach der Attacke mit mindestens 49 Toten die Sicherheitsvorkehrungen erhöht. Der französische Innenminister Christophe Castaner kündigte Kontrollen rund um religiöse Einrichtungen an.

Der Chef der britischen Terrorabwehr, Neil Basu, erklärte, es werde im ganzen Land verstärkt Polizeistreifen im Umkreis von Moscheen geben. Zudem würden sämtlichen Glaubensrichtungen darauf hingewiesen, wie sie ihre Mitglieder und Einrichtungen schützen könnten.

Bei den Ermittlungen hat die Polizei ein Wohngebiet in der von Christchurch 350 Kilometer entfernt gelegenen Stadt Dunedin evakuiert. Anrainer in der Nähe eines Hauses seien vorsichtshalber in Sicherheit gebracht worden, erklärte die Polizei am Freitag. Das Haus sei im Zusammenhang mit den Ermittlungen "von Interesse", hieß es.

Blumen vor einer Moschee in Christchurch. Ein Angreifer hat am Freitag49 Gläubige beim Freitagsgebiet erschossen.
Blumen vor einer Moschee in Christchurch. Ein Angreifer hat am Freitag49 Gläubige beim Freitagsgebiet erschossen.
- AFP

Van der Bellen: "Barbarische Attacke auf Menschen, die beten wollen"

International lösten die Bluttaten Erschütterung und Solidaritätsbekundungen aus. Königin Elizabeth II. - sie ist auch Staatsoberhaupt Neuseelands - hat ihre Anteilnahme bekundet. Sie sei zutiefst traurig über die schrecklichen Ereignisse in Christchurch. Sie versicherte den Familien und Freunden der Opfer des Anschlags ihres Beileid und den Rettungskräften und freiwilligen Helfern , die den Verletzten Unterstützung leisteten, ihrer Anerkennung.

Auch Papst Franziskus hat den Familienangehörigen der Todesopfe kondoliert. Erschüttert zeigten sich auch die EU-Spitze, die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sowie die Arabischen Staaten. US-Präsident Trump äußerte seine Bestürzung auf Twitter: "Mein herzliches Beileid und meine besten Wünsche gehen an die Menschen in Neuseeland nach dem schrecklichen Massaker in den Moscheen." NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg sicherte unterdessen Neuseeland seinerseits die Solidarität des Militärbündnisses zugesichert.

In Österreich verurteilte Bundespräsident Alexander Van der Bellen die Gewaltakte als "eine schreckliche und barbarische Attacke auf Menschen, die beten (...) wollten. (...) Unsere Solidarität gilt den Menschen in Neuseeland, unser Mitgefühl ist bei den Opfern, deren Verwandten und Freunden", twitterte das Staatsoberhaupt. Ähnlich äußerten sich vonseiten der Regierung Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und Außenministerin Karin Kneissl (FPÖ). (APA/AFP/Reuters/dpa, TT.com)