Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 20.03.2019


Exklusiv

Imster Messerstecherei: Häftling durfte nicht zu Begräbnis seiner Mutter

Der 19-jährige Mordverdächtige in der Messerstecherei von Imst konnte an der Trauerfeier für seine verstorbene Mutter nicht teilnehmen. Die Justizanstalt hatte keine Ressourcen.

Polizei nahe des Tatortes in Imst.

© zeitungsfoto.atPolizei nahe des Tatortes in Imst.



Von Reinhard Fellner

Innsbruck, Imst – Eine letztlich tödliche Auseinandersetzung unter jugendlichen Partybesuchern im Mai führte Anfang März zur mittlerweile rechtskräftigen Mordanklage gegen einen 19-Jährigen. Ihm wird vorgeworfen, am Parkplatz des Imster Sportzentrums einen 17-Jährigen aus Lustenau mit zwei Messerstichen getötet zu haben, wobei einer der Stiche den jungen Tischlerlehrling direkt ins Herz getroffen hatte – die TT berichtete.

Unabhängig von der angeklagten Tat – es gilt die Unschuldsvermutung – traf den jungen Oberländer nun aber auch selbst ein gravierender persönlicher Schicksalsschlag. Verstarb doch vergangene Woche im Zammer Krankenhaus seine Mutter. Nicht nur, dass ein Abschied unter Lebenden für den Inhaftierten nicht mehr möglich war, konnte der Bursche nun auch vergangenen Mittwoch an den letzten Trauerfeierlichkeiten nicht mehr teilnehmen. Um 17 Uhr hat sich die Familie in der Moschee in Imst von der Verstorbenen somit ohne deren in Untersuchungshaft befindlichen Sohn verabschiedet.

„Dass die Teilnahme an der Trauerfeier nicht möglich war, ist für mich nicht nachvollziehbar", so Hubert Stanglechner
 (Verteidiger).
„Dass die Teilnahme an der Trauerfeier nicht möglich war, ist für mich nicht nachvollziehbar", so Hubert Stanglechner
 (Verteidiger).
- Heinz Stanger

Ein Antrag von Verteidiger Hubert Stanglechner auf „Ausführung“ für den Besuch der Trauerfeierlichkeit war zuvor vom Landesgericht per Beschluss abgelehnt worden. Die Gründe dafür lagen jedoch nicht beim Gericht. So sieht das Strafvollzugsgesetz vor, dass eine solche „Ausführung zur Erledigung unaufschiebbarer persönlicher Angelegenheiten zu gestatten ist, wenn diese nach Wesensart des Strafgefangenen unbedenklich und ohne Beeinträchtigung des Dienstes und der Ordnung in der Anstalt möglich ist“.

Genau am letzten Punkt spießte es sich jedoch. Die schön häufiger zum Thema gewordene Personalnot in der Justizanstalt. Auf Anfrage der TT waren laut Anstaltsleiter Reinhard Potocnik deshalb der Justizanstalt die Hände gebunden. Potocnik: „Die Anfrage war aufgrund des plötzlichen Todesfalls sehr kurzfristig an uns herangetragen worden. Das Problem besteht dabei dann für uns, dass wir über keinerlei Informationen verfügen, was uns seitens der Justizwache bei so einer Trauerfeierlichkeit erwartet. Ein Chauffeur und zwei Wachebeamte wie allenfalls bei einer Vorführung zu Gericht reicht da nicht aus.“ Im Grunde sei so eine Ausführung zu einer Trauerfeierlichkeit mit unbekanntem Rahmen laut Potocnik allenfalls innerhalb einer Woche planbar. Womit Potocnik wieder zum Personalwesen und dessen Abläufen kommt: „Gerade letzte Woche waren wir durch die Grippewelle geschwächt. Von rund 150 Beamten hat es da 21 Beamte erwischt. Dabei sind natürlich Absenzen durch Urlaube, Schulungen oder Nachtdienste noch gar nicht eingerechnet“, erklärte und bedauerte der Leiter des Ziegelstadls.

Verteidiger Stanglechner kann die Argumente der Anstaltsleitung nicht verstehen: „Das Gericht hat sich sehr um die Ermöglichung der Ausführung des Angeklagten zur Trauerfeier bemüht. Es hat auch festgestellt, dass die Ausführung nach der Wesensart und dem Vorleben des Angeklagten unbedenklich gewesen wäre. Für mich entstand aber der Eindruck, dass die Justizanstalt keine besonderen Anstrengungen unternommen hat, dem Angeklagten die Teilnahme an der Trauerfeier zur Verabschiedung von seiner verstorbenen Mutter zu ermöglichen.“ So gesteht der Strafverteidiger „durchaus zu, dass die Personalsituation in der Justizanstalt Innsbruck angespannt ist“. Es sei jedoch „nicht nachvollziehbar, dass bei einer Ausführung des Angeklagten für die Dauer von wenigen Stunden die anderen dienstlichen Aufgaben in der Anstalt nicht mehr ordnungsgemäß“ erfüllt werden konnten.