Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 27.04.2019


Tirol

74 Vergewaltigungen im Vorjahr in Tirol angezeigt

Sexualisierte Gewalt droht vor allem in den eigenen vier Wänden.



Von Thomas Hörmann

Innsbruck – 74 Vergewaltigungen wurden im Vorjahr in Tirol angezeigt, 2017 waren es 71. Mit ein Grund für Landesrätin Gabriele Fischer (Grüne), einmal mehr auf das Thema „sexualisierte Gewalt“ aufmerksam zu machen. Ein Problembereich, der bei „komischen Frauenwitzen und Homophobie beginnt und bis zu Zwangsverheiratungen und Genitalverstümmelungen geht“, erklärte Fischer bei der Pressekonferenz am Freitag: „Jede Form ist ein absolutes No-Go.“

Und eine große Herausforderung für die Polizei, erklärte Hans-Peter Seewald vom Landeskriminalamt. So mussten die Beamten allein im Vorjahr 435 Gewalttäter meist aus ihren eigenen Wohnungen weisen. Dazu kamen 147 sexuelle Belästigungen. Und damit etwas weniger als noch 2017 mit 177 Fällen. Die Vergewaltigungen sind laut Seewald fast immer Beziehungstaten, „es gibt nur wenige Fälle, bei denen sich Täter und Opfer nicht kennen“. Das sieht auch die Landesrätin so: „Der gefährlichste Ort sind die eigenen vier Wände.“ Doris Stauder vom Verein „Frauen gegen Vergewaltigung“ betrachtete das Problem sexualisierte Gewalt aus dem Blickwinkel der Betroffenen: „Die Opfer tun sich schwer, davon zu erzählen. Weil oft aus einem Freund oder geliebten Menschen jemand wird, der ihnen Leid zufügt.“ Das sei ein Packerl, das jemand erst tragen muss. Stauder rät den Opfern, nicht dem ersten Impuls zu folgen: „Eine sofort erstattete Anzeige ist nicht immer der beste Weg für die Frauen.“ Die Opfer müssten aus freien Stücken entscheiden, ob sie eine Anzeige erstatten wollen. Stauder wies weiters darauf hin, dass weltweit jede siebte Frau Opfer einer Vergewaltigung wird. Und das bedeutet, „wir alle haben Opfer in unserem Umfeld“.

Sexualisierte Gewalt ist auch Thema bei einer internationalen Tagung, die Anfang Mai in Innsbruck stattfindet. Landesrätin Fischer betonte, dass heuer 350.000 Euro für die Gewaltprävention budgetiert sind. Gleichzeitig kündigte sie eine Aktion scharf an: „Es gibt klare Richtlinien. Wenn sich Vereine nicht mit diesem Thema befassen, gibt es künftig auch keine Förderungen aus diesem Topf mehr.“