Letztes Update am Di, 30.04.2019 15:47

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Spanien

Bluttat von Teneriffa: Sohn des Opfers von Richterin befragt

Eine Deutsche und ihr Sohn werden auf Teneriffa getötet - der jüngere Sohn wird Zeuge. Worauf es im Umgang mit Kindern nach solchen grauenvollen Erlebnissen ankommt, erklärt eine Expertin.

Der 43-jährige Deutsche, der verdächtigt wird seine Ex-Frau und seinen zehnjährigen Sohn brutal zu Tode geprügelt zu haben,  sitzt seit Freitag in Untersuchungshaft.

© www.imago-images.deDer 43-jährige Deutsche, der verdächtigt wird seine Ex-Frau und seinen zehnjährigen Sohn brutal zu Tode geprügelt zu haben, sitzt seit Freitag in Untersuchungshaft.



Santa Cruz de Tenerife – Nach der Tötung einer 39-jährigen Deutschen und ihres zehn Jahre alten Sohnes auf Teneriffa ist ein weiterer Sohn der Frau, der überlebt hat, befragt worden. Der jüngere Sohn sei am Montagabend von der Untersuchungsrichterin angehört worden, sagte ein Sprecher des Oberlandesgerichts der Kanaren (TSJC) am Dienstag. Verdächtigt wird der 43 Jahre alte Vater. Der Deutsche sitzt seit Freitag in U-Haft.

Das Alter des Überlebenden wird von spanischen Medien mit sieben Jahren angegeben. Der TSJC-Sprecher machte dazu keine Angaben. „Der Schutz der Persönlichkeitsrechte ist bei einem Kind besonders wichtig“, betonte er.

Angehörige noch immer nicht eingetroffen

Man werde die Aussagen des Kindes vor Gericht verwenden dürfen, erklärte der Gerichtssprecher. Somit werde man vermeiden, dass der Kleine bei einem möglichen Prozess im Gerichtssaal als Zeuge aussagen muss. Die Befragung des Buben sei nicht im Gericht, sondern in einem kindgerechten Raum im Beisein von Betreuern und des Anwalts des Vaters durchgeführt worden.

Medienberichte, wonach das Kind bei der Befragung seine ersten Aussagen bestätigte und sagte, es sei am vorigen Dienstag weggelaufen, als sein Vater in einer Höhle unweit der Gemeinde Adeje im Südwesten Teneriffas die getrennt von ihm lebende Frau und seinen anderen Sohn brutal verprügelt habe, bestätigte der Sprecher nicht. Diese Berichte basierten nicht auf offiziellen Informationen.

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Um das Wohl des Kleinen kümmert sich federführend die Regionalregierung der Kanaren. Er sei an einem sicheren Ort untergebracht, der zum Schutz des Kindes nicht bekanntgegeben werden soll. Familienangehörige seien bisher nicht in der Lage gewesen, von Deutschland aus auf die Insel zu reisen, weil sie den Schock der Nachricht noch nicht verkraftet hätten, berichteten spanische Medien unter Berufung auf die Behörden.

Was für traumatisierte Kinder wichtig ist

Ein Kind wird Zeuge, wie die eigene Mutter und der ältere Bruder umgebracht werden und kann selbst entkommen - das ist auf der Kanaren-Insel Teneriffa passiert. Um die Psyche von Kindern nach extrem belastenden Erfahrungen zu schützen, ist aus Expertensicht eine vertraute Umgebung besonders wichtig. „Bestenfalls sollte das bei jemandem sein, den das akut traumatisierte Kind gut kennt, wie zum Beispiel Großeltern“, sagte die Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Berliner Charité, Isabella Heuse.

Ein bewusster Umgang mit betroffenen Kindern ist demnach wichtig, um Traumafolgestörungen wie posttraumatische Belastungsstörungen zu vermeiden. Diese können auch erst längere Zeit nach einem Ereignis auftreten und zum Beispiel mit immer wiederkehrenden Erinnerungen, Alpträumen und Ängsten einhergehen.

Wie in einer anderen Welt

Besonders wichtig sei es, in Gesprächen nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen, etwa gezielt auf das Trauma einzugehen oder nachzubohren, was genau geschah. „In der Regel wartet man ab, was das Kind von selbst erzählt“, so Heuser. Polizeipsychologen seien dahingehend geschult - aber natürlich spiele bei der Polizei oft auch Zeitdruck eine Rolle, um einen Ermittlungserfolg erzielen zu können. Generell sei es individuell verschieden, wann Kinder zu erzählen beginnen und wie lange ein akutes Trauma anhalte, sagte die Expertin.

Zu akuten Traumata komme es, wenn das eigene Leben bedroht sei oder dies emotional angenommen werde, wenn einem etwas Schlimmes wie eine Vergewaltigung angetan werde oder man Zeuge extrem belastender Situationen werde, erläuterte Heuser. Betroffene seien dann wie im Schock, wie in einer anderen Welt, erstarrt oder auch völlig aufgewühlt. Bei Kindern könne dieser Zustand je nach Alter und je nach Fähigkeit, das Geschehene zu begreifen, stärker ausgeprägt sein: „Sie weinen, können sich zum Beispiel kaum artikulieren oder den eigenen Namen nennen, wenn man danach fragt“, erklärte Heuser.

Kinder könnten je nach Alter auch darüber mit entscheiden, zu wem sie vorerst kommen, sagte Heuser. Hauptsache sei, dass sie sich sicher und gut aufgehoben fühlten. Zunächst müssten bei akut traumatisierten Kindern Grundbedürfnisse etwa nach Nahrung, Getränken wie einem heißen Kakao, nach Schutz und Wärme gestillt werden. Eine fremde Umgebung und fremde Menschen sind nach Einschätzung von Heuser für Kinder noch schwieriger.

Auf Teneriffa waren in der vergangenen Woche eine 39-Jährige und ihr zehnjähriger Sohn tot in einer Höhle gefunden worden. Der Vater wird verdächtigt, die getrennt von ihm lebende Mutter und seinen Sohn dort brutal zu Tode geprügelt zu haben. Der Junge, dessen Alter von den Behörden vorerst mit „sechs bis sieben“ angegeben wird, floh in letzter Minute und erzählte den Behörden von der Attacke. (APA, dpa, TT.com)