Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 04.05.2019


Zypern

Eine Mordserie, die Zypern erschüttert

Am 14. April fanden deutsche Touristen im Schacht eines aufgelassenen Bergwerkes ein­e Frauenleiche. Als man in der Folge einen weiteren Frauen­körper fand, wurd­e langsam klar, dass man es mit einem Serienmörder zu tun hatte.

Am Sonntag wurde eine weitere Tote in einem Koffer aus einem mit Giftwasse­r verschmutzten See gezogen.

© AFPAm Sonntag wurde eine weitere Tote in einem Koffer aus einem mit Giftwasse­r verschmutzten See gezogen.



Von Christian Gonsa

Nikosia – Der erste Serienmörder in den Annalen der kleinen Inselrepublik Zypern schockt die Öffentlichkeit – und hat politische Konsequenzen: Am Donnerstag trat Ionas Nikolaou, Minister für Justiz und öffentliche Ordnung, zurück, nicht ohne deutliche Kritik an der Polizei und an der zypriotischen Gesellschaft insgesamt zu üben. Die Verantwortung für Versäumnisse der Polizei bei der Aufdeckung der Mordserie, die nach bisherigem Kenntnisstand sieben Opfer forderte, die müsse man „bei uns allen suchen“, sagte er.

Doch was ist geschehen? Am 14. April fanden deutsche Touristen im Schacht eines aufgelassenen Bergwerkes ein­e Frauenleiche. Bei der Toten handelte es sich um die 38-jährige Philippinin Mary Rose Tiburcio, eine der rund 12.000 Haushaltshilfen, die den Zyprioten das Alltagsleben erleichtern. Sie war seit einem Jahr abgängig, ebenso wie ihre sechsjährige Tochter, Sierra Graze. Nur vier Tage brauchte die Polizei, um über eine Untersuchung von sozialen Medien und Handys einen Verdächtigen festzunehmen, Nikos Metaxas, einen Hauptmann der zypriotischen Nationalgarde, der Mary Rose auf der Dating-Plattform „bado­o“ unter dem Namen „Orestis“ kennen gelernt hatte. Als man in der Folge im Schacht nicht die Leiche der kleinen Sierra, sondern einen weiteren Frauen­körper fand, wurd­e langsam klar, dass man es mit einem Serienmörder zu tun hatte. Inzwischen hat Metaxas sechs Morde gestanden, der Tod von Sierra soll ein Unfall gewesen sein. Vier Frauenkörper wurden bisher gefunden, eindeutig identifiziert ist lediglich Mary Rose. Die Rumänin Livia Florentina Bunea und ihre Tochter Elena Natalie, seit September 2016 abgängig, waren vermutlich die ersten Opfe­r, es folgten vier Philippinen und eine Frau aus Nepal.

Der Hauptvorwurf an die Polizei lautet, dass sie die Spuren der Verschwundenen nicht ernsthaft verfolgte, weil es sich um Ausländerinnen handelte, zum Großteil Haushaltshilfen und damit Bürgerinnen zweiter Klasse. Die Ermittler versicherten besorgten Freunden und Verwandten immer wieder, die Frauen seien im türkischen Norden der geteilten Insel untergetaucht. Bei Livia Bunea und ihrer Tochter behauptete man gar, es gebe konkrete Hinweise darauf, dass sie dort zu finden seien.

Im wohlhabenden Zypern konnten sich bis 2013 viele Familien eine helfende Hand leisten. Nach dem Bankenkrach in diesem Jahr allerdings halbierte sich die Zahl der Haushaltshilfen. Die stark­e Fluktuation trug wohl dazu bei, dass die Polizei die Orientierung verlor. Die Frauen sind sozial isoliert, ihre Arbeitsverhältnisse prekär. Um die Stell­e wechseln zu können, ist ein­e „Entbindung“ durch den Arbeitgeber Voraussetzung. Ohne aufrechtes Arbeitsverhältnis geht die Arbeits- und damit auch Aufenthaltsbewilligung verloren. Das führt zu starker Abhängigkeit des Personals, für das sich oft nur das Untertauchen in die Illegalität als Ausweg anbietet.




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