Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 13.05.2019


Tirol

Attacken auf Sanitäter: Wenn Retter zu Opfern werden

Angriffe gegen Sanitäter sind in Tirol keine Seltenheit. Das Rote Kreuz will gemeinsam mit anderen Blaulichtorganisationen einen Verein gründen, um auf das Problem hinzuweisen.

Lukas Scheibenstock, 29 Jahre alt, arbeitet seit 2011 beim Roten Kreuz in Innsbruck hauptberuflich als Sanitäter und wurde vor zwei Jahren im Einsatz verprügelt. Er glaubt, dass es „früher mehr Toleranz uns Rettern gegenüber gegeben hat."

© Foto TT/Rudy De MoorLukas Scheibenstock, 29 Jahre alt, arbeitet seit 2011 beim Roten Kreuz in Innsbruck hauptberuflich als Sanitäter und wurde vor zwei Jahren im Einsatz verprügelt. Er glaubt, dass es „früher mehr Toleranz uns Rettern gegenüber gegeben hat."



Von Benedikt Mair

Innsbruck – Was an diesem Sommerabend vor zwei Jahren passierte, lässt Lukas Scheibenstock bis heute nicht los. Der 29-Jährige, hauptberuflich als Sanitäter beim Roten Kreuz in Innsbruck beschäftigt, wurde zu einem Gasthaus gerufen. „Der Patient taumelte, augenscheinlich hoch intoxiniert, mitten auf der Straße herum“, erinnert er sich. „Wir mussten ihn einfangen, damit er nicht überfahren wird.“ Alles schien unter Kontrolle, bis plötzlich die Stimmung kippte. „Meine Kollegin habe ich noch gewarnt, ihr gesagt, dass sie weggehen soll, weil er immer aggressiver wurde. Völlig unvorbereitet habe ich dann einen heftigen Schlag ins Gesicht abbekommen.“

Ähnliches wie Lukas Scheibenstock haben auch viele andere Sanitäter im Land bereits erleben müssen. Immer wieder werden Retter Opfer von Gewalt – und sie werden es immer öfter. Ein Problem, das auch die Spitze des Tiroler Roten Kreuzes mehr und mehr beschäftigt. „Statistische Auswertung gibt es keine, aber die Zwischenfälle nehmen zu. Grob geschätzt passiert einmal die Woche etwas“, sagt Wilfried Unterlechner, der als wirtschaftlicher Geschäftsführer der Rettungsdienst GmbH mit diesen Fragen betraut ist. „Wenn etwas strafrechtlich Relevantes passiert, dann zeigen wir das natürlich an. Nicht nur unsere Mitarbeiter und Freiwilligen werden angegriffen, sondern auch Fahrzeuge mutwillig beschädigt.“

Unterlechner sieht Handlungsbedarf. Gemeinsam mit Feuerwehren, Polizei und anderen Blaulichtorganisationen – die selbst immer wieder aggressiv angegangen werden – soll ein Verein gegründet werden, der einerseits Zwischenfälle statistisch erfassen und andererseits die Bevölkerung auf die Situation aufmerksam machen soll. Als Vorbild dient, laut dem Rettungsdienst-Geschäftsführer, „Helfer sind Tabu“, ein im deutschen Bundesland Hessen angesiedeltes Projekt, das im April bei einer Tagung in Innsbruck präsentiert wurde.

Gegründet wurde „Helfer sind Tabu“ Anfang des vergangenen Jahres als Zusammenschluss von Rettungsdiensten, Feuerwehren und Hilfsorganisationen in und rund um Mainz. Denn: „Behinderungen, Beleidigungen und Angriffe gegen Retter und Helfer kommen immer häufiger vor“, heißt es in der Vereinssatzung. Die Wertschätzung für die Arbeit soll gestärkt, die Mitarbeiter unterstützt und Täter abgeschreckt werden.

Wilfried Unterlechner erklärt, dass die Pläne für eine Gründung in Tirol bereits Form annehmen: „Kontakt zur Polizei wurde schon aufgenommen.“ Öffentlichkeit für das Problem schaffen hält er für angebracht, verpflichtende Selbstverteidigungskurse, wie es sie in Teilen Deutschlands bereits gibt, hält er für überzogen. Wobei sich Unterlechner vorstellen kann, dass „Kurse im Rahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung durchaus denkbar sind“.

Angesichts des verhängnisvollen Arbeitstags vor zwei Jahren hätte Lukas Scheibenstock ein Selbstverteidigungskurs auch nichts mehr gebracht. „Es ging einfach alles viel zu schnell“, sagt der 29-Jährige. Die Folgen des Faustschlags bekam er zwei Wochen später präsentiert. „Beim Zahnarzt wurde ein Nervenschaden festgestellt.“ Eine aufwändige Behandlung folgte. „Ich bin seitdem vorsichtiger geworden.“ In den vielen Jahren, die er nun schon beim Roten Kreuz ist, fiel ihm eine gewisse Verrohung auf: „Früher hat es mehr Toleranz uns Rettern gegenüber gegeben. Die Hemmschwelle sinkt immer weiter. Das ermüdet sehr.“

Physische Angriffe sind noch die Ausnahme, glaubt auch Thomas Gierl, Sprecher des Rotens Kreuzes Innsbruck, und selbst immer wieder im Außeneinsatz. „Amerikanische Verhältnisse haben wir nicht. Eine Schutzweste braucht keiner.“ Dafür gehören Beschimpfungen und Anfeindungen zum Alltag eines Sanitäters, es sei nicht unüblich, dass „wir den Mittelfinger gezeigt bekommen oder zurechtgewiesen werden“.

Für Scheibenstock ist es das Schlimmste, wenn man im Einsatz behindert wird, „was immer wieder vorkommt. Dafür, dass wir zum Helfen da sind, erhoffe ich mir einfach nur ein bisschen Respekt.“