Letztes Update am Sa, 25.05.2019 17:11

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Venezuela

Blutbad hinter Gittern: 30 Tote bei Gefangenenmeuterei in Venezuela

Die Gewalttat wirft ein Schlaglicht auf die katastrophalen Zustände in den Gefängnissen des Krisenstaats: Sie sind völlig überfüllt, es gibt nicht genug zu essen, dafür aber reichlich Waffen auf beiden Seiten der Gitter. Eine hochexplosive Mischung.

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Acarigua – Bei Kämpfen in einer Gefangenensammelstelle in Venezuela sind mindestens 30 Häftlinge ums Leben gekommen. Weitere 26 Menschen wurden bei der Auseinandersetzung in Acarigua im Bundesstaat Portuguesa verletzt, darunter 19 Beamte, wie die Nichtregierungsorganisation Venezolanische Beobachtungsstelle für die Gefängnisse am Freitag mitteilte.

Demnach verfügten die Häftlinge über Schusswaffen und Granaten und lieferten sich heftige Kämpfe mit der Polizei. „Wieder einmal ein Massaker in einer Gefangenensammelstelle der Polizei“, sagte der Direktor der Beobachtungsstelle für Gefängnisse, Humberto Prado. „Wie lange müssen Gefangene noch sterben, für die der Staat Verantwortung trägt?“

Wochenlanger Konflikt um Besuche und Lebensmittel

Der Gefangenenmeuterei am Freitag ging wohl ein wochenlanger Konflikt zwischen den Häftlingen und der Verwaltung voraus. Offenbar durften die Gefangenen seit Ostern keinen Besuch mehr empfangen und erhielten deshalb auch immer weniger Lebensmittel. Zudem sollte ein Wortführer der Gefangenen in eine andere Haftanstalt verlegt werden.

Seit Donnerstag kam es zu Zusammenstößen zwischen der Polizei und den Gefangenen. Nachdem ein junger Häftling getötet worden war, brach ein offener Kampf aus. Die ganze Nacht seien Schüsse und Explosionen zu hören gewesen, berichtete die Beobachtungsstelle.

Die Interamerikanische Menschenrechtskommission (CIDH) verurteilte die Zustände. „Seit Jahren sind wir besorgt über das hohe Ausmaß an Gewalt in den venezolanischen Gefängnissen“, schrieb die Organisation auf Twitter. „Wir rufen den Staat dazu auf, sofort Maßnahmen zu ergreifen, um das Leben und die Gesundheit der Gefangenen zu schützen.“

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International machte die Regierung von Präsident Nicolas Maduro für den Vorfall verantwortlich. „Diese Leute waren unter der Aufsicht des Staates und es gibt bis jetzt keine plausible Erklärung der Behörden – das macht die Regierung zur Hauptverantwortlichen für die Toten“, sagte Regionalchefin Erika Guevara-Rosas.

Gefängnisse völlig überfüllt

In Venezuela sind viele Gefängnisse völlig überfüllt. Die Gefangenensammelstelle in Acarigua beherbergte zuletzt beispielsweise 540 Häftlinge, obwohl sie nur auf 300 Insassen ausgelegt ist. Prado warf den Behörden vor, die Gefangenen viel zu lange in den Sammelstellen festzuhalten, statt sie in richtige Gefängnisse zu verlegen.

Immer wieder kommt es in venezolanischen Haftanstalten zu blutigen Zusammenstößen. Im März vergangenen Jahres kamen bei Krawallen in der Gefangenensammelstelle der Polizei in Carabobo im Zentrum des südamerikanischen Landes 68 Menschen ums Leben. 2017 wurden in einer Haftanstalt im Bundesstaat Amazonas 39 Menschen getötet.

Derzeit steckt Venezuela in einer tiefen wirtschaftlichen und politischen Krise. Staatschef Maduro und der selbst ernannte Interimspräsident Juan Guaido liefern sich seit Monaten einen erbitterten Machtkampf. Viele Menschen hungern, die medizinische Versorgung ist weitgehend zusammengebrochen. Menschenrechtsgruppen berichten immer wieder von schweren Gewalttaten durch die staatlichen Sicherheitskräfte. (dpa)