Letztes Update am Mi, 10.07.2019 11:15

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Deutschland

Mordfall Susanna: Ali B. zeigte weder Reue noch Mitgefühl

Rund vier Monate dauerte der Prozess um den gewaltsamen Tod der 14-jährigen Susanna aus Mainz. Nun hat das Wiesbadener Landgericht den angeklagten Ali B. zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Fall hatte für zahlreiche Schlagzeilen gesorgt.

Ali B. wurde am Mittwoch zu einer lebenslänglichen Haftstraße verurteilt. Die Richter stellten eine besondere Schwere der Schuld fest.

© APA/AFPAli B. wurde am Mittwoch zu einer lebenslänglichen Haftstraße verurteilt. Die Richter stellten eine besondere Schwere der Schuld fest.



Wiesbaden – Wegen Mordes an der 14-jährigen Schülerin Susanna aus Mainz hat das Landgericht Wiesbaden den Angeklagten Ali B. zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Die Richter stellten am Mittwoch in ihrem Urteil zudem die besondere Schwere der Schuld fest. Eine vorzeitige Haftentlassung nach 15 Jahren ist damit für den irakischen Flüchtling so gut wie ausgeschlossen.

Das Landgericht sah es als erwiesen, dass der 22-Jährige Susanna vor mehr als einem Jahr in einem Waldgebiet in der Nähe des Wiesbadener Stadtteils Erbenheim vergewaltigt und ermordet hat. Die Leiche des Mädchens aus Mainz war am 6. Juni 2018 in einem Erdloch in der Nähe von Bahngleisen gefunden worden. Rund zwei Wochen nach dem Verschwinden von Susanna waren die Einsatzkräfte nach einem Zeugenhinweis auf das Versteck mit dem toten Mädchen gestoßen.

Kurz nach Tod Susannas in Nordirak abgesetzt

Kurz nach dem Tod von Susanna hatte sich Ali B. mit seiner Familie in seine Heimat abgesetzt. Im kurdisch kontrollierten Nordirak wurde er jedoch wenige Tage danach gefasst und von der Bundespolizei nach Deutschland zurückgebracht. Der Fall hatte eine bundesweite Debatte um die Flüchtlingspolitik ausgelöst.

Mit dem Urteilsspruch folgten die Richter dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Die Vertreter der Anklage hatten dem irakischen Flüchtling vorgeworfen, Susanna erwürgt zu haben, um die Vergewaltigung zu verdecken. Er habe kaltblütig, zielgerichtet und heimtückisch gehandelt. Die Verteidigung hatte keinen konkreten Strafantrag gestellt.

Ali B. hatte zum Prozessauftakt gestanden, das 14-jährige Mädchen umgebracht zu haben. Die Vergewaltigung bestritt er. In einem weiteren Prozess muss sich der Iraker wegen der Vergewaltigung eines elfjährigen Mädchens verantworten. Dieses Verfahren findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Ali B. zeigte weder Reue noch Mitgefühl

Aus Sicht des Gerichts im Susanna-Prozess habe der Angeklagte kein ernstzunehmendes Wort des Bedauerns geäußert. Er habe weder Reue noch Mitgefühl gezeigt, hieß es am Mittwoch in der Urteilsbegründung des Wiesbadener Landgerichts.

„Eine Verantwortungsübernahme hätte das Geschehene nicht ungeschehen machen können“, sagte der Vorsitzende Richter Jürgen Bonk. Sie hätte aber Susannas Mutter die Chance gegeben, einen Neuanfang in einem Leben ohne ihre Tochter zu erreichen. Dazu sei der Angeklagte jedoch nicht bereit, vielleicht auch nicht in der Lage gewesen.

Weder Susannas Mutter noch die Freundinnen des Mädchens müssten sich vorwerfen lassen, irgendetwas falsch gemacht zu haben. Am Ende des Prozesses stehe eines unumstößlich fest, sagt Bonk an Ali B. gewandt: „Allein Sie, niemand anderes, trägt die Schuld am Tod von Susanna.“ Ausdrücklich würdigte er das Verhalten von Susannas Mutter und ihre Zeugenaussage, die ihm persönlich Respekt abnötige. Damit sei es ihr eindrücklich gelungen, Spekulationen über Susannas Lebenswandel und das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter auszuräumen.

Lebenslange Haft: Nicht Wegsperren für immer

Lebenslange Haft bis zum Tod sieht das deutsche Strafrecht nicht vor. Selbst bei einer „besonderen Schwere der Schuld“ oder der Anordnung von Sicherungsverwahrung ist die Anordnung unbegrenzter Strafen wegen Verletzung der Menschenwürde verboten.

Laut Gesetz kann die Vollstreckung einer lebenslangen Haftstrafe nach 15 Jahren zur Bewährung ausgesetzt werden. Voraussetzung: das „Sicherheitsinteresse der Allgemeinheit“ darf nicht dagegen sprechen und keine „besondere Schwere der Schuld“ vorliegen.

IM SCHNITT 20 JAHRE: Durchschnittlich läuft eine lebenslange Strafe in Deutschland auf etwa 20 Jahre Haft hinaus. Die Spanne ist allerdings groß: In seltenen Fällen kommen Verurteilte noch vor Ablauf von 15 Jahren frei, dies aber nur im Fall von Begnadigungen. In anderen Fällen reicht die Haft bis ans Lebensende, wie etwa beim Serienmörder Heinrich Pommerenke, der bis zu seinem Tod im Jahr 2008 rund 49 Jahre hinter Gittern verbrachte. Eine Aussetzung der Strafe zur Bewährung wurde ihm wegen des hohen Sicherheitsrisikos, das von ihm ausging, verwehrt.

BESONDERE SCHULDSCHWERE VERZÖGERT STRAFAUSSETZUNG: Stellt das Strafgericht bei einem Täter die besondere Schwere der Schuld fest, etwa weil ein Mord besonders grausam war oder sexuelle Neigungen eine Rolle spielten, ist eine Strafaussetzung zur Bewährung in Deutschland in der Regel frühestens nach 17 Jahren möglich. Das Gericht legt dann nach Ablauf der 15-Jahresfrist fest, wie viele Jahre seiner Strafe der Verurteilte noch wegen seiner Schuld verbüßen muss. Eine feste Obergrenze gibt es dabei nicht.

SICHERUNGSVERWAHRUNG IST KEINE STRAFE: Sicherungsverwahrung wird im Urteil verhängt oder ihre Anordnung vorbehalten, wenn die Gesellschaft etwa vor hochgefährlichen Sexualstraftätern auch nach deren Haftverbüßung geschützt werden soll. Diese Täter müssen in Einrichtungen untergebracht werden, die sich deutlich von regulären Gefängnissen unterscheiden. Auch Sicherungsverwahrte müssen zudem Hoffnung auf Freiheit haben können. Die Fortdauer der Verwahrung muss deshalb jährlich überprüft werden. Nach zehn Jahren ist die Sicherungsverwahrung zu beenden, sofern nicht weitere erhebliche Straftaten drohen. (APA/dpa)