Letztes Update am Do, 11.07.2019 09:19

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Fünf Jahre verschwunden

„Dann hältst du das jetzt durch“: Maria H. spricht über ihren Peiniger

Fünf Jahre verschwindet die 13-jährige Maria H. gemeinsam mit einem 40 Jahre älteren Mann spurlos. Erst 2018 kehrt sie zurück. In einem Interview berichtet die heute 19-Jährige über die Zeit mit dem Mann, der nun ins Gefängnis muss und erklärt, warum sie so lange bei ihm blieb.

Maria H. sah im Prozess Bernhard H. wieder.

© dpaMaria H. sah im Prozess Bernhard H. wieder.



Freiburg – Mehr als fünf Jahre war Maria H. mit ihrer rund 40 Jahre älteren Internetbekanntschaft verschwunden. In einem Prozess verurteilt das Landgericht Freiburg Bernhard H. nun zu sechs Jahren Haft. Im Anschluss hat die heute 19-Jährige mit RTL über die Zeit mit H., den Missbrauch und ihre Gefühle gesprochen.

Maria H. lernte Bernhard H. 2012 in einem Internetchat kennen. Bernhard H. tauschte mit dem damals 12-jährigen Mädchen bald pornografische Bilder aus. Nach mehreren Treffen in Freiburger Hotels, bei denen es zu ersten sexuellen Übergriffen kam, tauchte Bernhard H. 2013 schließlich mit Maria H. unter und reiste mit ihr über Osteuropa bis nach Sizilien.

„Er hat wegen mir alles aufgegeben“

Die heute 19-Jährige sagt über diese Zeit im Interview: „Er sagte gleich, ich habe mich in deine Worte verliebt, deswegen kann ich auch nicht mehr bei meiner Frau wohnen.“ Maria H. fügt hinzu: „Ich habe mir damals gedacht: Er hat seine Familie verlassen wegen mir. Und ich habe gedacht, ich kann ihn damit jetzt nicht allein lassen. Er hat wegen mir alles aufgegeben. Und so hat sich das dann eben entwickelt.“

Doch 2014 – ein Jahr später – habe sie gemerkt, dass sie sich nicht wohl fühlt mit der Situation. Sie habe erkannt, dass es Bernhard H. nur um seine Befriedigung gehe und nicht um sie, sagt Maria H. „Da habe ich mich gefragt: Wieso machst du das? Du fühlst dich jedes Mal schlecht danach, du fühlst dich benutzt und es macht dich irgendwie kaputt. Aber ich habe gedacht, ich muss mit ihm zusammenleben. Und wie ist das dann, wenn ich keinen Sex mehr will? Das wäre doch total komisch und nachher wäre er sauer und würde sagen, wenn du das nicht willst, dann sorge ich nicht mehr für dich. Da habe ich dann gedacht: Gut, dann hältst du das jetzt durch.“

Maria H. über die Urteilsverkündung

Als die Richter schließlich am Mittwoch das Urteil verkündeten, seien ihr die Tränen gekommen, berichtet Maria H. RTL. „Diese Aussagen, dieser ganze Prozess und mit diesen Worten, die der Richter gesprochen hat, war das alles dann zu Ende. Die ganzen letzten Jahre waren dann zu Ende. Auf einmal, als ob man eine ganz große Last von mir nehmen würde.“ Über Bernhard H.s gefühlskalte Reaktion sei sie schockiert gewesen. „An seiner Reaktion habe ich gesehen, dass es gar nicht um mich ging.“ Sein emotionsloser Abgang habe ihr gezeigt, wie „vorgespielt diese Liebe“ war.

Der heute 58-Jährige wurde wegen Kindesentziehung und schweren sexuellen Missbrauchs in 98 Fällen zu sechs Jahren Haft verurteilt. Die von der Anklage geforderte anschließende Sicherungsverwahrung ordnete das Gericht nicht an. Laut Gutachten bestehe keine Wiederholungsgefahr, hieß es. Zudem sei Bernhard H. nicht vorbestraft. Maria H. hat eine andere Sicht auf die Dinge: „Der sucht eigentlich auch nur die Gelegenheit. Und das zu erklären, dass er keine Gelegenheit mehr bekommt, wenn er aus dem Gefängnis kommt, heißt noch nicht, dass er nicht mehr gefährlich ist.“ (TT.com)




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