Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 12.07.2019


Vorfall in Hopfgarten

Gemeindeamt mit Gewehr gestürmt: Frau griff aus Angst zu Waffe

Eine psychische Erkrankung ließ eine 52-jährige Unterländerin mit dem Gewehr im Anschlag ins Gemeindeamt stürmen. Das Gericht verordnete wöchentliche Psychiater-Besuche.

Nach zehn Wochen in der Forensischen Psychiatrie in Hall wurde die Unterländerin nach Hause entlassen.

© HammerleNach zehn Wochen in der Forensischen Psychiatrie in Hall wurde die Unterländerin nach Hause entlassen.



Von Thomas Hörmann

Innsbruck – Der 30. April ist vielen Hopfgartnern noch immer in unguter Erinnerung. Der Tag, an dem eine aufgebrachte Unterländerin (52) mit einem Gewehr im Anschlag ins Gemeindeamt stürmte, um Bürgermeister Paul Sieberer zu einer Aussprache zu zwingen – die TT berichtete. Zuvor soll die Akademikerin die Waffe vor den Augen eines geschockten Bauarbeiters aus dem Autofenster zweimal abgefeuert haben. Verletzt wurde niemand, ein Gemeindeamtsmitarbeiter konnte der Unterländerin das Gewehr entreißen. Seither befand sich die Frau in der Forensischen Psychiatrie in Hall.

Die Innsbrucker Staatsanwaltschaft wertete den ungewöhnlichen Auftritt der 52-Jährigen als Nötigung und gefährliche Drohung. Ein Strafverfahren blieb der Frau dennoch erspart. Weil sie zum Zeitpunkt ihres glimpflich endenden Amoklaufs laut psychiatrischem Gutachten nicht zurechnungsfähig war.

Dennoch musste sich die Mutter eines halbwüchsigen Sohnes am Donnerstagvormittag einem Verfahren am Innsbrucker Landesgericht stellen. „Es geht heute aber nicht um Schuld oder Unschuld“, stellte Strafverteidigerin Eva Kathrein schon bei ihrem Eröffnungsplädoyer vor dem Schöffensenat klar. Sondern ob ihre Mandantin – wie vom Staatsanwalt gefordert – in eine Anstalt für abnorme Rechtsbrecher eingewiesen wird.

So viel vorweg: Wie eine abnorme Rechtsbrecherin wirkte die Unterländerin im Gerichtssaal N 124 nicht. „Mir ist heute unerklärlich, wie es dazu kommen konnte. Ich habe einen Riesenblödsinn gemacht und war in einem Erschöpfungszustand“, entschuldigte sich die gefasst wirkende 52-Jährige auch gleich bei ihren „Opfern“.

Gerichtspsychiaterin Gabriele Wörgötter kann hingegen sehr wohl erklären, wie es dazu kam: Sie attestierte der Unterländerin eine „bipolare affektive Störung“: eine psychische Erkrankung mit manischen und depressiven Phasen, die allerdings gut behandelbar sei. „Die psychische Destabilisierung hat sich in den Wochen vor dem 20. April aufgebaut“, so Wörgötter. Dabei dürfte auch ein Rechtsstreit in der Nachbarschaft eine Rolle gespielt haben. Letztendlich „fürchtete die 52-Jährige, sie und auch ihr Sohn werden bedroht und seien in Lebensgefahr“, schilderte die Psychiaterin. Diese Angst war offenbar auch der Grund, warum die Akademikerin am 30. April dem Bürgermeister mit dem Gewehr in der Hand ihre „Schriftsätze“ zum Nachbarschaftsstreit aushändigen wollte: „Ich fürchtete um mein Leben“, so die 52-Jährige.

Als sich die Gutachterin am 9. Mai erstmals mit der Unterländerin befasste, „war kein geordnetes Gespräch möglich“. Noch immer wähnte sich die Patientin in Lebensgefahr, noch immer waren die Gedanken wirr. Beim nächsten Gespräch zwei Monate später war die 52-Jährige „völlig verändert“, sagte Wörgötter. Eine Folge der Behandlung in der Psychiatrie. Unbehandelt bleibe die Frau gefährlich.

Dennoch ist für die Expertin eine Einweisung in die Forensik nicht zwingend notwendig. Die Bedingung: Die 52-Jährige muss wöchentlich einen Psychiater aufsuchen und ihre Medikamente einnehmen. Die Unterländerin war mit den Auflagen einverstanden, der Staatsanwalt und der Schöffensenat auch. So entschied das Gericht auf eine auf fünf Jahre bedingte Unterbringung in der Forensischen Psychiatrie. Nach der Verhandlung ging es für die 52-Jährige nach Hause.