Letztes Update am Sa, 20.07.2019 12:03

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Italien

Fall Orlandi: Beinhäuser im Vatikan geöffnet, Fund unwahrscheinlich

Auf der Suche nach den Überresten von Emanuela Orlandi wurden kürzlich die Gräber von zwei Prinzessinnen geöffnet. Sie waren leer. Nun wurden unter dem Fußboden des Priesterkollegs Beinhäuser entdeckt. Sie werden nun untersucht.

Auf der Suche nach den Überresten Orlandis waren am 11. Juli die Gräber von zwei deutschen Prinzessinnen geöffnet worden.

© APA/AFP/VATICAN MEDIAAuf der Suche nach den Überresten Orlandis waren am 11. Juli die Gräber von zwei deutschen Prinzessinnen geöffnet worden.



Rom – Auf der Suche nach der vor 36 Jahren verschwundenen Emanuela Orlandi hat der Vatikan am Samstag zwei Beinhäuser geöffnet. Sie wurden vor wenigen Tagen unter dem Fußboden des deutschen Priesterkollegs im Vatikan entdeckt. Die Beinhäuser wurden in Anwesenheit von Vertretern der Familie Orlandi untersucht, bestätigte der interimistische Vatikan-Pressesprecher Alessandro Gisotti.

Noch unklar sei, wie lange es dauern wird, bis alle Knochen aus den Beinhäusern entnommen und analysiert werden, sagte Gisotti. Die Eröffnung der Beinhäuser sei ein weiteres Signal der Bereitschaft des Vatikan, die Familie Orlandi bei der Suche nach der Wahrheit zu unterstützen.

Auch Jahrzehnte später beschäftigt das Schicksal der damals 15-Jährigen viele Menschen.
Auch Jahrzehnte später beschäftigt das Schicksal der damals 15-Jährigen viele Menschen.
- AFP

Knochenfund wenig wahrscheinlich

Es gilt jedoch als wenig wahrscheinlich, dass die Beinhäuser die Knochen der Vermissten enthalten. Emanuela Orlandi, die 15-jährige Tochter eines Vatikan-Angestellten, war am 22. Juni 1983 nicht vom Musikunterricht heimgekehrt. Um ihr Verschwinden ranken sich immer wieder neue Spekulationen und Verschwörungstheorien, in denen teilweise auch der Vatikan eine Rolle spielt.

Auf der Suche nach den Überresten Orlandis waren am 11. Juli die Gräber von zwei deutschen Prinzessinnen geöffnet worden. Die Gruften waren leer, was Fragen über die Überreste der dort angeblich begrabenen Frauen aufwarf. Wohin diese verschwunden seien, ist noch unklar.

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Vor einem Jahr erhielt die Anwältin der Familie einen mit einem Foto versehenen anonymen Hinweis, wonach die Überreste der Verschwundenen angeblich auf dem Pilgerfriedhof verscharrt seien. Daraufhin setzte sie bei der Vatikan-Justiz eine Öffnung der beiden Gräber durch. Die Familie hatte das Bild eines Grabsteins mit einer Engelstatue auf dem Pilgerfriedhof zugesandt bekommen. Der kleine Friedhof ist normalerweise der letzte Ruheort für deutschsprachige Mitglieder katholischer Institutionen im Vatikan. (APA)

Der Fall Orlandi

Der Fall Orlandi gehört zu den aufsehenerregendsten Kriminalfällen der jüngeren italienischen Geschichte. Über das Schicksal des 15-jährigen Mädchens, Tochter eines Vatikanangestellten, gibt es trotz unzähliger Spekulationen keine gesicherten Erkenntnisse. Emanuela Orlandi verschwand am 22. Juni 1983 nach dem Besuch einer Musikschule spurlos. Bald meldeten sich angebliche Entführer, die eine Freilassung des türkischen Papstattentäters Ali Agca forderten. Später hieß es, das Mädchen sei von der Mafia-Bande der Magliana entführt worden.

Bis heute sind viele Fragen offen. Die italienische Justiz nahm 2012 nochmals Ermittlungen auf, nachdem in der Hauskirche der römischen Opus-Dei-Universität im Grab des Chefs der Magliana-Bande, Enrico De Pedis, fremde Knochen gefunden wurden. Vermutungen, es handle sich um Überreste Orlandis, erwiesen sich als falsch.

Nachdem im vergangenen Oktober menschliche Knochen auf dem Gelände der vatikanischen Botschaft in Rom auftauchten, kursierten Spekulationen, dass es sich um die Reste Orlandis handeln könnte. DNA-Untersuchungen ergaben jedoch, dass die Knochenreste von einem Mann stammten.