Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 24.09.2019


Tirol

Kurden organisiert über Reschen geschleppt: Haftstrafen für Bande

Sechs Frauen und Männer sollen zahlreiche türkische Staatsbürger über den Reschenpass nach Deutschland geschleust haben. Die Angeklagten mussten sich jetzt am Landesgericht verantworten.

Kriminelle Vereinigung angeklagt. Fünf Türken und ein Afghane sollen Kurden über den Reschenpass nach Lindau geschleust haben.

© Reinhard FellnerKriminelle Vereinigung angeklagt. Fünf Türken und ein Afghane sollen Kurden über den Reschenpass nach Lindau geschleust haben.



Innsbruck — Im Oberen Gericht wohnhafte Türken und ein in der Schweiz ansässiger Afghane nahmen gestern in Begleitung der Justizwache am Landesgericht vor Schöffen Platz. Vorwurf: Schleppung von Kurden im Rahmen einer kriminellen Vereinigung. Über ein halbes Jahr lang waren die Oberländer aktiv und Teil einer Schlepperorganisation.

In der Türkei verfolgte Kurden wurden für 6000 Euro pro Kopf (Kinder die Hälfte) „garantiert" von der Heimat nach Deutschland geschleust. Die Vorgehensweise der Organisation war bis ins kleinste Detail geplant: In der Türkei wurden Kontakte zu den Kurden hergestellt. Darauf ging es erst einmal per Flugzeug nach Serbien. Von dort zu Fuß, per Bahn oder Pkw weiter über die Balkanroute nach Italien. Innerhalb der Grenzen ging es dann schon Richtung Norden nach Bozen und von dort mittels der schon gestern großteils geständigen Angeklagten nach Mals, weiter über den Reschen Richtung Arlberg und direkt zum Zielort — Lindau am Bodensee.

„Wie ein Puzzle zusammengefügt"

Die Verhaftung eines der Angeklagten hatte das Netzwerk letztlich aufgedeckt. Er hatte in seinem Geständnis dargelegt, wie die Gruppierung die Routen mit unauffälligen Minivans befahren hatte. Meist bildete man aus Vorsicht einen Konvoi aus drei Fahrzeugen, wobei sich im Voraus-Fahrzeug niemals Geschleppte befanden. 400 Euro gingen pro Fahrt an die Lenker. Nach intensiven Routen- und Handyüberwachungen hatte sich die Vereinigung vor den Augen der Anklagebehörde so letztlich wie „ein Puzzle zusammengefügt".

Auch zwei Ehefrauen waren übrigens der Schlepperei angeklagt, wenn ihre Rolle auch als untergeordnet einzustufen war und in der Duldung der Schleppungen oder der Bereitstellung von Handys bestand. Sie kamen gestern mit bedingter Haft und Geldstrafen davon. Über die männlichen Schlepper ergingen abends jedoch (nicht rechtskräftig) teils empfindliche Haftstrafen bis zu drei Jahren. Dazu gehen pro Kopf bis zu 21.000 Euro der Schleppereinnahmen an die Republik. (fell)