Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 27.09.2019


Gericht

Prozess um Tierquälerei in Axams: „Die Pferde sehen total erschöpft aus“

Ein verendeter Wallach brachte dem Betreiber eines Kutscherhofs Aufregung und einen Prozess wegen Tierquälerei.

Ein schattiges Platzerl für ein Fiakerpferd. Nicht überall soll es den Tieren so gut gehen – wie gestern ein Prozess thematisierte.

© Andreas Rottensteiner / TTEin schattiges Platzerl für ein Fiakerpferd. Nicht überall soll es den Tieren so gut gehen – wie gestern ein Prozess thematisierte.



Von Reinhard Fellner

Innsbruck, Axams – Im Juni gingen Medien und Behörden Videoaufnahmen von empörten Urlaubern zu. Die Aufnahmen zeigten in Axams eine voll besetzte Kutsche, die von scheinbar vor Erschöpfung schwankenden Pferden unter heftigen Peitschenhieben des Kutschers gerade noch gezogen wurde. Wenig später war eines der Zugpferde – ein Gelderländer-Wallach – im Gespann umgekippt und laut Tierhalter gleich verstorben.

Nach internationalen Berichten kamen der Polizeiinspektion Axams dann noch weitere Anzeigen gegen den Inhaber des Kutscherbetriebs zu. So soll der Unternehmer schon Anfang Juni in Birgitz Kutschpferde ohne Grund mit der Peitsche traktiert haben. Bereits 2015 soll der Mann am Achensee ein Gespann bewegt haben, obwohl die Tiere aus dem Maul geblutet hätten. Ein Prozess wegen Tierquälerei folgte gestern am Landesgericht gegen den Unternehmer und den damaligen Kutscher. „Ich bekenne mich überhaupt nicht schuldig!“, ließ der Unternehmer Richterin Verena Offer gleich wissen. So habe es damals gerade 27 Grad gehabt und seien die Tiere gefüttert und getränkt worden. Auch die Strecke mitsamt Steigung sei von den Pferden seit Jahren ohne Probleme bewältigt worden. Eine Überforderung sei auszuschließen: „Meine Pferde haben die 40-Stunden-Woche. Laufen sie am Vortag, haben sie vormittags frei. Der Wallach muss ein gesundheitliches Problem oder einen Herzinfarkt gehabt haben!“ Zeugen, wie die damalige Reiseleiterin, sagten dazu jedoch aus, dass beide Pferde „total erschöpft ausgesehen“ hätten. Fertig und nassgeschwitzt hätten sie ausgesehen.

Der zuständige Amtstierarzt berichtete gestern als Zeuge, dass der Unternehmer im Sommer erst versucht habe, ihn über den angezeigten Vorfall zu täuschen, und ihm die falschen Pferde zur Nachschau gezeigt habe. Erst mit Nachdruck sei schließlich hervorgekommen, dass der Wallach bei dem Vorfall verstorben und dieser sofort zum örtlichen Schlachthof zur Verwertung und Entsorgung gebracht worden sei.

Beim Anblick des Videos vom Vorfall im Juni war sich der Amtsarzt dann sicher, dass es sich im Gespann um „zwei total erschöpfte Pferde“ handelt: „Das zeigt schon deren schwankender Gang. Man sieht ja, dass der Wallach praktisch gar nicht mehr im Geschirr ist, da er nicht mehr ziehen kann. Dafür schlägt der Kutscher stehend auf die ebenso schon erschöpfte Stute ein.“ Dazu gab der Veterinär zu bedenken: „Das Pferd ist ein Fluchttier. Wenn es von hinten so gepeitscht wird, geht es ab, läuft es jedenfalls voran. Aber hier mussten offenbar erschöpfte Tiere eine 780-Kilo-Kutsche mit 19 Personen ziehen. Macht 2300 Kilo Zuglast.“ Eine Anspielung auf die Grundsätze des Strafrechts folgte: „In dubio pro equus – im Zweifel für das Pferd –, heißt es im Umgang mit Pferden bei Erschöpfung. Da müsste man halt Halt machen und die Passagiere aussteigen lassen!“ Auch die Art der umgehenden Verbringung des Wallachs in den Schlachthof stieß dem Amtstierarzt auf: „Ein verantwortungsvoller Tierhalter hätte wohl wissen wollen, warum sein Tier so plötzlich verendet ist.“

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Um die Todesursache des Wallachs und letztlich den Fall verlässlich zu klären, bedarf es nun eines Veterinärgutachtens und der Ladung etlicher weiterer Zeugen. Bei Schuldspruch drohen zwei Jahre Haft – es gilt die Unschuldsvermutung.