Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 01.10.2019


Gerichtssplitter

Letztes Urteil: Josef Geisler zieht die Richter-Robe aus

Dr. Josef Geisler prägte die Tiroler Strafgerichtsbarkeit.

© Rudy De MoorDr. Josef Geisler prägte die Tiroler Strafgerichtsbarkeit.



Josef Geisler, Tirols wohl bekanntester Strafrichter, verabschiedet sich mit Ende des Jahres in den Ruhestand. Über 37 Jahre hat der umtriebige und eloquente Zillertaler die Tiroler Strafgerichtsbarkeit entscheidend mitgeprägt. Seine Fähigkeit, den Unrechtsgehalt angeklagter Missetaten abzuwägen, war legendär, seine Kommentare oft auch. Gestern am Landesgericht war es dann um 11 Uhr so weit: Josef Geisler sprach als Strafrichter sein letztes Urteil. Die „Ehre" kam einem Iraker zu, der sich nach 21 Ehejahren und sechs Kindern gegenüber seiner Ehefrau zu viel geleistet hatte. Unter Alkoholeinfluss hatte der Asylwerber seine Gattin nämlich mit einer Verstümmelung im Gesicht bedroht und ihr auch sonst unerfreuliche Textnachrichten geschickt. Dies brachte den Mann nicht nur ins Gefängnis, sondern auch schon bald vor den Scheidungsrichter. Da der 41-Jährige gestern jedoch geständig war, empfahl Richter Geisler Staatsanwalt und Verteidiger, auf die Zeugenaussage von Ehefrau und Sohn zu verzichten: „Gießen wir da nicht noch mehr ins Feuer hinein!" Das Urteil war dann Erlösung und Damoklesschwert zugleich: Zu 720 Euro Geldstrafe kamen sechs Monate bedingte Haft. Darauf wurde der 41-Jährige noch gestern enthaftet. Die einst bedrohte Ehefrau ließ noch im Gerichtssaal Busserln auf die Wange zu.

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Schreiend verließ gestern ein Rumäne den Verhandlungssaal. Er hatte sich für Kosmetika- und Brillendiebstähle mit 6500 Euro Beutewert niemals ein Jahr Gefängnis erwartet. Der in Spanien bereits sechsfach Vorbestrafte (Diebstahl mit/ohne Gewalt, Flucht aus Behördengewahrsam, Erpressung): „Ich bin doch in Österreich noch nie verurteilt worden, da können Sie mich doch nicht für Diebstähle einsperren!" Bei einem Strafrahmen von bis zu drei Jahren Haft fragte Richter Geisler darauf zur Sicherheit nach, ob sich der Verurteilte denn eine goldene Uhr erwartet hätte.

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Zwei Jahre Haft wegen Raubes ergingen gestern über einen 26-jährigen Syrer. Trotz Vorstrafe und offenen Asylverfahrens hatte er im Juni mitten in Rattenberg einer Passantin die Tasche geraubt und auch deren wehrhaften Begleiter verletzt. (fell)

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