Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 02.10.2019


Tirol

13 Jahre Haft für Mordversuch: „Die Tat hat mich geschockt“

Weil ihm die erhoffte Partnerin den Laufpass gegeben hatte, stach ein 47-Jähriger mit dem Schlachtermesser zu. Die Geschworenen sahen Mordversuch und verhängten 13 Jahre Haft.

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© Thomas Boehm / TT



Von Reinhard Fellner

Innsbruck – Amors Pfeile können tiefe Wunden hervorrufen. Dies zeigt sich leider auch immer wieder im Schwurgerichtssaal des Landesgerichts, wo es ja ausschließlich um Kapitalverbrechen geht. Gestern hatten sich Geschworene hierzu mit einem Liebesdrama zu beschäftigen, das sich am Vorweihnachtstag in Zell am Ziller ereignet hatte. Hauptfiguren der Tragödie waren ein 47-jähriger Serbe und eine 38-Jährige, die sich vor Monaten auf eine jeweils außereheliche Beziehung eingelassen hatten. Für den Lkw-Fahrer aus Innsbruck schien es wahre Liebe – ein Neuanfang – zu sein. So hatte der 47-Jährige seine bisherige Familie für die Frau kurzerhand verlassen und war bereits aus der ehelichen Wohnung ausgezogen. Sogar die jeweilige Verwandtschaft hatte das Pärchen schon besucht.

Aggressionshandlungen des Mannes ließen die Frau aber dann doch – wohl gerade noch rechtzeitig – an der Partnerwahl zweifeln. Und so hatte sie dem Serben schon im November den Laufpass gegeben. Am 23. Dezember musste die 38-Jährige dem 47-Jährigen direkt an ihrer Arbeitsstelle neuerlich erklären, dass sie nichts mehr mit ihm zu tun haben wolle. Trotzdem verlangte der Serbe noch eine Aussprache. Die Frau setzte sich jedoch in ihr Auto und fuhr nach Hause. Dorthin folgte ihr dann auch der 47-Jährige. Schon bei der Fahrt kündigte sich Unheil an. Hatte sie der Berufslenker doch zweimal überholt und bis zum Stillstand ausgebremst.

Um die weiteren Vorgänge vor dem und im Haus der Zillertalerin ging es dann beim Prozess um angeklagten Mordversuch.

Aus seinem Beziehungsscherbenhaufen heraus war der Gekränkte nämlich zum Auto der Frau gelaufen und hatte ein laut Staatsanwalt Andreas Leo nicht weniger als 40 Zentimeter langes Schlachtermesser mit 25 Zentimeter Klingenlänge in der Hand. Durch dieses erlitt die Frau daraufhin eine 15 Zentimeter tiefe Stichverletzung. Wohl aufgrund der dicken Winterbekleidung und der Anatomie der Frau kam es durch die Attacke wie durch ein Wunder einzig zu einer Fleischwunde und nicht zu einer – laut Gerichtsmedizin ansonsten an sich tödlichen – Verletzung von inneren Organen. Für die Ankläger Leo schon allein wegen des wuchtigen Stichs in den Brustbereich der Frau ein eindeutiger Mordversuch.

Der Verteidiger des Angeklagten, Hubert Stanglechner, gab jedoch zu bedenken, dass ja beide Beteiligten keine Erinnerung mehr an die Stichzufügung hätten: „Wir müssen uns doch hier an die Fakten halten. Klar ist es hier zu einem Stich gekommen. Wir haben aber keinerlei Anhaltspunkt, wie!“ Darauf bestritt auch der Angeklagte jeglichen Mordvorsatz. Im Gegenteil: Das Leben wollte er sich nach dem Stich auf die Geliebte durch Selbstverletzung und Aufforderung an die Polizei, ihn doch zu erschießen, einzig selbst nehmen: „Nach meiner OP habe ich erfahren, was passiert ist. Die Tat hat mich geschockt, es war schrecklich für mich. Ich wollte diese Frau nie verletzen, ich habe sie doch geliebt!“

Auch das Opfer wusste darauf nur zu erzählen, dass der Angeklagte früher schon einmal mit dem Messer herumgefuchtelt hatte, seitdem sei er ihr „nicht mehr geheuer gewesen“. Zur Stichwunde am Vorweihnachtstag konnte die 38-Jährige jedoch nur sagen, dass ihr die Verletzung wohl beim Aussteigen aus dem Auto zugefügt wurde. Dann sei sie ja schon Richtung Haus gelaufen, während der Tobende noch in einen Autoreifen gestochen hatte.

Auf die Frage des Gerichts, warum man denn mit so einem Schlachtermesser spazieren fahre, erklärte der 47-Jährige, dass dies mit dem Auszug aus der Ehewohnung begründet sei und es sich dabei ja eigentlich um sein Sa­latmesser handle.

Die Geschworenen berieten und beurteilten den Sachverhalt noch bis zum Abend mit 6:2 der Stimmen als Mordversuch an der abtrünnigen Frau. Bei einem Strafrahmen von zehn Jahren Haft bis lebenslänglich ergingen nicht rechtskräftig 13 Jahre Haft.