Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 02.10.2019


Tirol

Vom armen Venezuela nach Tirol: Juristinnen als Prostituierte

Ohne Perspektiven in ihrer Heimat wechselten die Frauen ins Tiroler Rotlichtmilieu.

Kaum noch Lebensmittel, aber die höchste Inflation: Zwei Juristinnen flohe­n aus Venezuela ins Innsbrucker Rotlichtmilieu.<span class="TT11_Fotohinweis">Symbolfoto: AFP/Juan Barreto</span>

© AFPKaum noch Lebensmittel, aber die höchste Inflation: Zwei Juristinnen flohe­n aus Venezuela ins Innsbrucker Rotlichtmilieu.Symbolfoto: AFP/Juan Barreto



Innsbruck – Bei einer Rotlicht-Razzia in Innsbruck wurden kürzlich ungewöhnliche Schicksale offenbar: So erwischten Polizisten drei Frauen aus Venezuela, die trotz guter Ausbildungen (zwei sind Juristinnen) in Innsbruck als Prostituierte arbeiten. Keine Einzelfälle übrigens: Weit über eine Million Menschen haben dem südamerikanischen Land mit den größten Ölvorkommen der Welt bereits den Rücken gekehrt. Der Grund: die triste Wirtschaftslage in der Heimat.

Doch zurück nach Innsbruck, wo die Beamten des Strafamtes (Landespolizeidirektion) vor zehn Tagen Kontrollen im illegalen Rotlichtmilieu durchführten. Wie fast immer nach bewährtem Muster: „Wir durchforsteten die einschlägigen Internetseiten, auf denen die Prostituierten ihre Dienste anbieten“, schildert Polizeijuristin Rebecca Nick. Schon bald wurden die Beamten fündig und stießen auf eine „Neue“ aus Venezuela, die bislang im Innsbrucker Milieu noch nicht in Erscheinung getreten war. Ein Polizist spielte den Lockvogel, kontaktierte die Frau und vereinbarte einen Termin. Wenig später stand der Beamte auch schon in der Wohnung der Venezolanerin in der Nähe des Hauptbahnhofs. Die Prostituierte war nicht allein, eine spärlichst bekleidete Landsfrau kam aus dem Bad und bot dem verdutzten Beamten ebenfalls ihre Dienste für 150 Euro pro Stunde an. Wenig später tauchte noch eine weitere Lateinamerikanerin auf.

Als der vermeintliche Freie­r seinen Polizeiausweis vorlegte, war’s schnell vorbei mit der Rotlicht-Professionalität. Zuerst flossen Tränen, dann schilderten die Frauen ihr Schicksal. Und berichteten von der Armut in ihrem Heimatland, das mit 650 Prozent mit großem Abstand die weltweit höchste Inflationsrate aufweist. Mindestens 35 Prozent der Bevölkerung haben keine Arbeit. Lebensmittel sind kaum erhältlich. Und wenn doch, kosten sie ein Vermögen. Selbst ihre guten Ausbildungen halfen den drei Frauen in Venezuela nicht weiter. Zwei Lateinamerikanerinnen gaben sogar an, das Studium der Rechtswissenschaften in ihrer Heimat absolviert und auch abgeschlossen zu haben. Keine Märchen aus Tausendundeiner Nacht, wie die weiteren Nachforschungen ergaben: Die Prostituierten sind tatsächlich Juristinnen.

Die Venezolanerinnen sind als Urlauberinnen über Spanien nach Europa gekommen. Drei Monate dürfen sie sich hier aufhalten, aber nicht arbeiten. Das gilt auch für illegale Beschäftigungen wie die in Tirol verbotene Ausübung der Prostitution außerhalb von genehmigten Bordellen. Entsprechend fielen die Strafbescheide aus, pro „Urlauberin“ wurden 670 Euro fällig. Da halfen auch die Tränen nichts. Ihre Wohnung haben die Frauen übrigens über Airbnb angemietet. Mit ihrer Vermarktung im Internet hatten die Wirtschaftsflüchtlinge eine Agentur beauftragt.

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Bei der Razzia erwischten die Beamten sechs weitere Prostituierte, darunter auch einen Transvestiten und eine „Serientäterin“. Die Bulgarin musste seit Ende August bereits 5000 Euro an Strafen bezahlen. (tom)