Letztes Update am Do, 10.10.2019 22:50

DPA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Anschlag auf Synagoge

„Rechtsextremistischer Terror“ in Halle: Ermittlungsrichter erließ Haftbefehl

Am Tag nach dem versuchten Angriff auf eine Synagoge in Halle und der Tötung von zwei Menschen haben die Ermittler neue Details bekanntgegeben. Beim mutmaßlichen Täter handle es sich um einen Rechtsextremisten, der ein Massaker anrichten wollte.

Markierungen der Polizei sind auf der Straße vor dem Dönerladen zu sehen, in dem zwei Menschen erschossen wurden.

© APA/dpaWoitasMarkierungen der Polizei sind auf der Straße vor dem Dönerladen zu sehen, in dem zwei Menschen erschossen wurden.



Halle — Nach dem versuchten Angriff eines Rechtsextremisten auf die Synagoge und der Tötung von zwei Menschen in Halle arbeiten die Ermittler an einem möglichst kompletten Bild der Tathintergründe. Die Wohnung des mutmaßlichen Täters, eines 27-Jährigen Deutschen, sei durchsucht und Beweismittel sichergestellt worden, sagte ein Sprecher der Bundesanwaltschaft am Donnerstagmorgen. Der Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof hat am Donnerstagabend dann Haftbefehl gegen den mutmaßlichen Rechtsterroristen erlassen. Das erklärte ein Sprecher des Bundesanwaltschaft in Karlsruhe. Der Richter habe Untersuchungshaft angeordnet.

Justizministerin Christine Lambrecht (SPD) und Generalbundesanwalt Peter Frank haben die Taten zuvor als Terror eingestuft. Bei einer gemeinsamen Stellungnahme in Karlsruhe sprach Lambrecht am Donnerstag von einem „rechtsextremistischen Terroranschlag" eines Einzeltäters. Der Schütze habe aus antisemitischen und rechtsextremistischen Gründen gehandelt, sagte die SPD-Politikerin. „Was wir gestern erlebt haben, war Terror", sagte Frank. Der Täter habe sich zum Ziel gesetzt, in der Synagoge ein Massaker anzurichten.

Vier Kilo Sprengstoff in Auto gefunden

Im Auto des mutmaßlichen Täters wurden nach Franks Angaben insgesamt vier Kilo Sprengstoff in zahlreichen Sprengvorrichtungen sichergestellt. Dem mutmaßlichen Schützen werde zweifacher Mord und versuchter Mord in neun Fällen vorgeworfen.

Nach Angaben des Generalbundesanwalts wollte der Täter mit seinem Video und einem Manifest weltweite Wirkung erzielen. Ein Vorbild des Mannes sei der Attentäter von Christchurch gewesen. Es werde jetzt unter anderem der Frage nachgegangen, wie er sich so radikalisieren und sich die Waffen besorgen konnte.

Lambrecht sieht im Rechtsextremismus eine der aktuell größten Bedrohungen, denen der Rechtsstaat mit allen Mitteln gegenübertreten müsse. Rechtsextremismus trete in Deutschland immer gewalttätiger und aggressiver auf. Der Nährboden beginne oft zunächst mit Worten, denen dann Taten folgen. Lambrecht kündigte an, Vorschläge zu machen, wie Internetplattformen verpflichtet werden könnten, rechtsextreme Äußerungen zu verhindern. Man müsse ganz deutlich machen, dass man die Mitmenschen in Deutschland schütze, sagte die Ministerin. Es gehöre zur Staatsräson, dass Juden in Deutschland sicher leben könnten.

Opfer identifiziert, Ehepaar im Krankenhaus

Am Donnerstag konnten die erschossenen Opfer identifiziert werden. Es handelt sich um eine 40 Jahre alte Frau aus Halle sowie einen 20 Jahre alten Mann aus Merseburg, wie die Deutsche Presse-Agentur aus Sicherheitskreisen erfuhr. Die Frau war am Mittwochmittag vor der Synagoge erschossen worden, der Mann wenig später in einem nahen Dönerladen.

Der mutmaßliche Täter hatte gegen Mittag versucht, die Synagoge mit Waffengewalt zu stürmen. Mehr als 50 Menschen hielten sich zu dem Zeitpunkt in dem Gotteshaus auf und feierten das wichtigste jüdische Fest, Jom Kippur. Dem Mann gelang es nicht, in die Synagoge einzudringen.

Auf seiner Flucht hatte der mutmaßliche Rechtsextremist auch zwei Menschen verletzt. Bei ihnen soll es sich nach dpa-Informationen um ein Ehepaar handeln, das im 15 Kilometer entfernten Landsberg ein Geschäft betreibt. Die 40 Jahre alte Frau und der 41 Jahre alte Mann werden mit Schussverletzungen im Krankenhaus behandelt.

Im Wiedersdorf, einem Ortsteil von Landsberg, soll der Täter seinen ersten Fluchtwagen abgestellt und ein Taxi gekapert haben, wie dpa aus Sicherheitskreisen weiter erfuhr. Dabei seien weitere Schüsse gefallen. Demnach konnte der mutmaßliche Täter wenig später bei einem Autounfall auf der Autobahn 91 auf Höhe des Örtchens Werschen von Spezialkräften festgenommen werden. Er war verletzt und wurde in ein Krankenhaus gebracht. Das mutmaßliche Täter-Auto wurde Donnerstagfrüh abgeschleppt.

Eine noch höhere Opferzahl wurde möglicherweise von Defekten an mindestens einer Waffe des Täters verhindert. In dem angeblichen Tatvideo ist zu sehen, wie in mindestens zwei Fällen Ladehemmungen das Leben von Menschen zu retten scheinen. Der Täter setzte eine vermutlich im Selbstbau hergestellte Langwaffe, eine Pistole und Sprengsätze ein.

Zentralrat der Juden kritisiert Polizei

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, sprach von einer „neuen Qualität des Rechtsextremismus in Deutschland". Er beobachte eine politische Entwicklung, die Rechtsextremismus fördere, sagte Schuster dem Deutschlandfunk.

Zuvor hatte Schuster schwere Vorwürfe gegen die Polizei erhoben: „Dass die Synagoge in Halle an einem Feiertag wie Jom Kippur nicht durch die Polizei geschützt war, ist skandalös."

Auch der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Halle, Max Privorozki, kritisierte die Polizei. „Bei uns gibt es nie Polizeikontrollen", sagte. Nicht einmal bei der Chanukka-Feier, dem Jüdischen Lichterfest, mit mehreren hundert Menschen gebe es Polizei, „obwohl ich bitte, dass sie kommen." Anders als beispielsweise in Berlin und München sei die Polizei nicht vor der Synagoge präsent.

Bundesanwaltschaft beantragt Haftbefehl

Nach Einschätzung der Bundesanwaltschaft ist das Bekennervideo sei eindeutig antisemitisch und rechtsextremistisch. „Er hat geplant, Menschen zu töten", so ein Ermittler. Der mutmaßliche Täter war den Behörden zuvor offensichtlich nicht aufgefallen. Die Bundesanwaltschaft sieht eine staatsgefährdende Tat.

Ermittelt wird unter anderem wegen Mordes und Mordversuchs. Noch am Donnerstag wird beim Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs Antrag auf Erlass eines Haftbefehls gegen den mutmaßlichen Attentäter von Halle gestellt.

Eine Kerze steht vor der Synagoge in Halle.
Eine Kerze steht vor der Synagoge in Halle.
- APA/Woitas

Vater bezeichnet Täter als Eigenbrötler

Nach den Worten seines Vaters soll der Attentäter ein Eigenbrötler gewesen sein, der häufig vor dem Computer saß. Die Bild-Zeitung zitierte den Vater mit den Worten: „Er war weder mit sich noch mit der Welt im Reinen, gab immer allen anderen die Schuld." Der 27-Jährige habe kaum Freunde gehabt und stattdessen viel Zeit im Internet verbracht. „Der Junge war nur online."

Dem Bild-Bericht zufolge hatte der mutmaßliche Täter nach dem Abitur zwei Semester Chemie studiert, das Studium aber wegen Krankheit abgebrochen. Einer Nachbarin zufolge soll er zuletzt als Rundfunktechniker gearbeitet haben. Der Vater berichtete, sein Sohn sei zwar bei der Bundeswehr gewesen, habe aber keine Spezialausbildung gehabt.

Manifest gibt Hinweise auf Planung der Tat

Das PDF-Dokument zum Bekennerschreiben zeigt nach Angaben einer Expertin Bilder von Waffen und enthält einen Verweis auf das Live-Video, das von der Tat verbreitet worden sei, schrieb Rita Katz, Leiterin der auf die Beobachtung von Extremisten spezialisierten Site Intelligence Group, auf Twitter.

In dem Text wird laut Katz das Ziel genannt, „so viele Anti-Weiße zu töten wie möglich, vorzugsweise Juden". Das Dokument sei anscheinend am 1. Oktober angelegt worden und gebe Hinweise darauf, wie viel Planung und Vorbereitung der Täter in die Attacke gesteckt habe.

Auch einen Tag nach dem Anschlag auf eine Synagoge in Halle ist das Live-Video des Angreifers noch immer im Internet abrufbar.Am Donnerstagvormittag hatten bereits Zehntausende Nutzer auf mehreren Videoplattformen das 35-minütige Tat-Video gesehen.

Hohe Sicherheitsvorkehrungen bei Österreich-Israel

Nach dem rechtsextremen Terroranschlag in Halle findet das Fußball-EM-Qualifikationsspiel Österreich - Israel am (heutigen) Donnerstag in Wien unter hohen Sicherheitsvorkehrungen statt. Wo sich Israels Spieler bewegen oder befinden - beim Hotel oder wenn sie zum Stadion fahren - wird es erhöhte Polizeipräsenz geben, sagte Polizeisprecher Patrick Maierhofer der APA. Sämtliche Spezialkräfte sind im Einsatz.

"Wir sind in Österreich sicher", sagte der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien (IKG), Oskar Deutsch, der APA. Er verwies diesbezüglich auf die gute Kooperation mit den Sicherheitsbehörden und auch die hohen eigenen Ausgaben für Sicherheit.

Betroffenheit auch in Österreich

Die österreichische Politik zeigte sich einhellig entsetzt über den Anschlag. Bundespräsident Alexander Van der Bellen, Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein, Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) sowie die Parteichefs Sebastian Kurz (ÖVP), Pamela Rendi-Wagner (SPÖ), Norbert Hofer (FPÖ) und Beate Meinl-Reisinger (NEOS) verurteilten in Aussendungen die Tat. Auch der Ökumenische Rat der Kirchen und der Weltkirchenrat in Genf reagierten mit Entsetzen. (TT.com, dpa, APA)

"Gegen jeden Antisemitismus" steht bei einer Solidaritätskundgebung anlässlich des Attentats in Hall an der Neuen Synagoge Berlin auf einem großen Banner.
"Gegen jeden Antisemitismus" steht bei einer Solidaritätskundgebung anlässlich des Attentats in Hall an der Neuen Synagoge Berlin auf einem großen Banner.
- APA/dpa/Christoph Soeder