Letztes Update am So, 27.10.2019 20:04

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Niederösterreich

Mann stach auf Familie ein: Frau und Tochter (2) tot, Sohn verletzt

Ein 31-Jähriger rief Sonntagfrüh die Polizei. Er habe seine Familie getötet, sagte er. Für eine 29-Jährige und ihre Tochter kam jede Hilfe zu spät. Ihr elf Monate alte Bub war lebensgefährlich verletzt.

Ein Polizeiauto steht in der Nähe des Tatorts.

© APAEin Polizeiauto steht in der Nähe des Tatorts.



Kottingbrunn – Bluttat in einer Reihenhaussiedlung in Kottingbrunn (Bezirk Baden): Nach Polizeiangaben vom Sonntag wurden eine 29-Jährige und ihre zwei Jahre alte Tochter erstochen, ein elf Monate alter Bub wurde lebensgefährlich verletzt. Als Verdächtiger gilt der 31 Jahre alte Familienvater. Der Mann wurde festgenommen.

Laut Polizeisprecher Walter Schwarzenecker hatte der Beschuldigte, österreichischer Staatsbürger, am Sonntag kurz vor 9.00 Uhr selbst den Notruf gewählt und mitgeteilt, dass er seine Familie getötet habe. Der 31-Jährige ließ sich wenig später widerstandslos vor seinem Heim in der Marktgemeinde festnehmen. Er wurde zur Einvernahme gebracht. Als mutmaßliche Tatwaffe wurde ein Küchenmesser sichergestellt.

Im Obergeschoß des Reihenhauses fanden Polizeibeamte die 29-jährige Frau des Beschuldigten und die zweijährige Tochter leblos auf. Reanimationsversuche blieben ohne Erfolg. Die Mutter und das Mädchen seien durch Messerstiche so schwer verletzt worden, dass es keine Hilfe mehr gab, sagte Schwarzenecker auf APA-Anfrage.

Ein weiters Opfer war der elf Monate alte Sohn der Familie. Er habe jedoch keine Stichwunden aufgewiesen, so der Sprecher. Der Bub sei „mit schwerer Atemnot in lebensbedrohlichem Zustand“ von einem Notarzthubschrauber ins SMZ Ost-Donauspital nach Wien geflogen worden.

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Die Hintergründe der Tat blieben vorerst unklar. Der Zeitpunkt des Verbrechens war Sonntagnachmittag ebenfalls noch nicht bekannt. Die Ermittlungen des Landeskriminalamtes Niederösterreich dauerten an.

Von der Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt wurden die Obduktionen der Opfer angeordnet, teilte die Polizei weiter mit. Der Beschuldigte wird nach Abschluss der Befragung in die Justizanstalt eingeliefert. (APA)

Bluttaten in der Familie: Schützen oder Vernichten als Motiv möglich

Die konträren Motivlagen des "Beschützers" oder des "Gewinners" können aus psychologischer Sicht hinter Tötungen von Familienmitgliedern stehen. Entscheidet sich der Täter, am Leben zu bleiben, könnte ein Motiv jenes der "Rache sein, alles vernichten zu wollen, was einem selbst (vermeintlich, Anm.) Schaden zugefügt hat", erläuterte Psychologe Cornel Binder-Krieglstein am Sonntag im APA-Gespräch.

Ohne Kenntnis der Motivlage im aktuellen Fall in Kottingbrunn in Niederösterreich stellt sich auch grundsätzlich die Frage, was es bedeutet, wenn sich die tödliche Gewalt ausschließlich gegen die Ehefrau oder Partnerin richtet, oder aber ebenso gegen gemeinsame Kinder ausgeübt wird, sofern es diese gibt. "Wenn derjenige alles in seinem nächsten Umfeld auslöscht, dann ist es meistens auch so, dass derjenige damit versucht, sich oder die anderen vor etwas zu 'schützen'", schilderte der Psychologe ein Motiv. Die "Gefahren", die es abzuwenden gilt, können solche sein, die für andere nicht nachvollziehbar sind, wie etwa ein drohender Weltuntergang: "Dann schützt er alle davor, das nicht erleben zu müssen, und bringt dann die Familie und sich um", so Cornel Binder-Krieglstein.

Zum aktuellen Fall kann ohne die Kenntnis der genauen Sachlage keine Schlussfolgerung getroffen werden. Wenn Täter jedoch im Allgemeinen am Leben bleiben wollen, deute dies auf eine "Beziehungstat" hin. Laut dem Experten gebe es bekannte Fälle, wo etwa das Sorgerecht dem anderen Partner zugeschrieben wurde und derjenige, der der "Verlierer" ist, dann so eine Tat setzt. "Hier kann das Motiv Rache sein, alles vernichten zu wollen, was ihm einen 'Schaden zugefügt' hat."

Das gegensätzliche Motiv des Rettens und Beschützens sei indes auch bei Sekten bekannt, aber hier tötet sich der Täter meist auch selbst, im anderen Fall ist das Motiv hingegen eher das Erzielen der maximalen Vernichtung und selbst als "Gewinner überzubleiben". Das kann auch der Fall sein, wenn ein Täter das gemeinsame Kind tötet und die Frau aber nicht. Auch hier könne sich der Täter als "Gewinner" sehen, der sich etwas bewiesen hat. "Da gibt es ganz unterschiedliche Bezugssysteme, wie man dann seine Macht oder seinen Gewinn darstellt."

Selbiges Motiv komme zum Zuge, wenn jemand seine Partnerin tötet und das Kind nicht. Der Täter "gewinnt, wenn es darum geht, gegen seine Frau kämpfen, um die Fürsorge zu bekommen". Dass diese Sicht dann gar nichts mit der Realität zu tun hat, spreche nicht dagegen - es reiche aus, sich in der Fantasie eine derartige Situation herzustellen. "Hier wäre an einen jahrelangen Ehestreit zu denken, wo man dann zwar vor Gericht der Verlierer ist, aber für sich selbst eine neue 'Gerechtigkeit' durch Gewalt hergestellt hat", so Binder-Krieglstein. Wie auch immer die Ausgangslage sei, "ein Motiv braucht es immer", schloss der Psychologe.