Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 02.11.2019


Tirol

Im Netz der Verbrecher: Cyber-Kriminalität in Tirol steigt

Während laut Kriminalstatistik die Gesamtzahl der Delikte in Tirol rückläufig ist, gibt es in einem Bereich eine entgegengesetzte Entwicklung: Die Zahl der Fälle von Cyber-Kriminalität steigt von Jahr zu Jahr an.

In betrügerischer Absicht versuchen Kriminelle im Netz, sich Daten und Codes der Nutzer zu angeln.

© iStockphotoIn betrügerischer Absicht versuchen Kriminelle im Netz, sich Daten und Codes der Nutzer zu angeln.



Von Nikolaus Paumgartten

Innsbruck — Eigentlich hatte der 63-jährige Österreicher nur den Link angeklickt, den ihm sein Geldinstitut zugeschickt hatte. Zumindest dachte er, dass seine Bank der Absender der Mail war. Auch kam der Mann der Aufforderung nach, auf der Homepage Benutzername und Passwort seines Online-Banking-Zugangs einzugeben. Mit dem Ergebnis, dass unbekannte Täter einen fünfstelligen Eurobetrag vom Konto des Mannes abbuchten. Denn weder Mail noch Webseite hatten etwas mit seiner Bank zu tun, sondern waren Teil einer perfide gestellten Falle von Cyber-Kriminellen.

Fälle wie dieser, der sich vor zwei Wochen in Innsbruck zugetragen hat, gehören für die Tiroler Polizei längst zum Tagesgeschäft. Und die Tendenz der Delikte, die im Zusammenhang mit dem Internet stehen, ist steigend — im Gegensatz zur Entwicklung der allgemeinen Kriminalitätsstatistik. „2017 haben wir in Tirol 1322 Fälle gehabt, die unter Cyber-Kriminalität fallen", sagt Landespolizeidirektor Helmut Tomac. „Im Vorjahr waren es bereits 1631 Delikte, was einem Anstieg von 23,4 Prozent entspricht." Wie sehr Kriminelle immer häufiger umsatteln und ihr Glück mit illegalen Machenschaften im Netz versuchen, zeigt besonders auch ein Vergleich des ersten Halbjahres 2019 mit dem des Vorjahres: Von Jänner bis Juni 2018 hat die Polizei in Tirol 697 Cyber-Delikte registriert, heuer waren es im ersten Halbjahr bereits um 61,3 Prozent mehr, nämlich 1124 Delikte.

Einer, der über die kriminellen Möglichkeiten im Web bestens Bescheid weiß, ist David Winkler von der Firma Strong-IT in Innsbruck. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, Firmen für die Gefahren im Netz zu sensibilisieren und mögliche Angriffspunkte aufzudecken. Als so genannter „Ethical Hacker" versucht er nach Beauftragung durch das Unternehmen, in dessen System einzudringen. „Unser Ziel ist es, die Schwachstellen zu finden, bevor es die bösen Jungs tun", erklärt Winkler. Dabei geht es nicht nur darum zu prüfen, ob die Firma ihre technischen Hausaufgaben erledigt hat. „Es nützt einem Unternehmen die beste Firewall nichts, wenn ein Mitarbeiter die falsche E-Mail öffnet", betont der Ethical Hacker und meint damit so genannte Phishing-Mails. In betrügerischer Absicht verschickt, sollen sie dem Adressaten wichtige Informationen entlocken und den Tätern letztlich Zugriff zum System ermöglichen — mit weitreichenden Folgen für den Betroffenen, wie der eingangs geschilderte Fall zeigt. Mitarbeiter von Unternehmen, aber auch Private sollten daher nicht nur verantwortungsvoll mit E-Mails umgehen, sondern auch bei der Erstellung von Passwörtern besondere Vorsicht walten lassen, rät Winkler.

Im Auftrag des Kuratoriums Sicheres Österreich (KSÖ), Landesklub Tirol, hat Winkler zu „Phishing-Mail" und „Passwortsicherheit" ein E-Learning-Tool entwickelt (siehe Artikel rechts). Hier erfährt man etwa, dass Programme ein Passwort in Millisekunden knacken können, wenn dieses nur aus Namen oder Wörtern besteht, die im Wörterbuch zu finden sind. Bei komplexen Kombinationen würden Hacker hingegen mehrere Wochen bis Jahre benötigen. Auch wie man Phishing-Mails erkennt und damit am besten umgeht, erfahren User mit Hilfe des Tools.

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„Es nützt einem Unternehmen die beste Firewall nichts, wenn ein Mitarbeiter die falsche E-Mail öffnet.“
David Winkler (Ethical Hacker)
„Es nützt einem Unternehmen die beste Firewall nichts, wenn ein Mitarbeiter die falsche E-Mail öffnet.“ David Winkler (Ethical Hacker)
- Vanessa Rachlé/ TT

KSÖ Tirol für mehr Sicherheit im Web

Innsbruck — Der Landesklub Tirol des Kuratoriums Sicheres Österreich (KSÖ) hat seinen neuen Schwerpunkt für die Arbeit in den kommenden Monaten im Bereich der Cyber-Security gesetzt. Im Zentrum steht dabei unter anderem eine Sensibilisierung zum verantwortungsvollen Umgang mit den eigenen Daten im Netz sowie die Sicherheit von Passwörtern und der Schutz vor Eindringlingen in Computersysteme. „Dieses Thema betrifft alle und jeder hat damit schon auf die ein oder andere Art und Weise seine Erfahrungen gemacht", sagt KSÖ-Vorstand Hermann Petz.

Um möglichst viele Menschen mit dem Thema zu erreichen, hat der Landesklub Tirol gemeinsam mit seinen Partnern, der Tiroler Tageszeitung, der Tiroler Polizei, der Raiffeisen-Landesbank Tirol AG, dem Land Tirol und der Arbeiterkammer Tirol, einen Ratgeber neu konzipiert, der Leser sicher durch die digitale Welt begleiten soll. „Die Broschüre wird in einer Stückzahl von 15.000 aufgelegt und kann in den Tiroler Raiffeisen-Filialen kostenlos bezogen werden", erklärt KSÖ-Vorstand Johannes Ortner. Der Ratgeber sei so gestaltet, dass er sich auch als Unterrichtsmaterial in der Schule eigne.

Neben der Broschüre hat der KSÖ außerdem zu den Themen „Phishing-Mail" und „Passwortsicherheit" ein E-Learning-Tool entwickeln lassen, bei dem sich online jeder zunächst selbst Wissen aneignen und dieses anschließend testen kann. „Es ist enduserfreundlich und nicht nur für den Bürger, sondern auch für Klein- und Mittelbetriebe ein interessantes Tool", ist KSÖ-Präsident Helmut Tomac überzeugt.

Hermann Petz (Vorstandsvorsitzender Moser Holding), Landespolizeidirektor Helmut Tomac und Johannes Ortner (Vorstandsvorsitzender Raiffeisen-Landesbank, v. l.) studieren die neue Broschüre.
Hermann Petz (Vorstandsvorsitzender Moser Holding), Landespolizeidirektor Helmut Tomac und Johannes Ortner (Vorstandsvorsitzender Raiffeisen-Landesbank, v. l.) studieren die neue Broschüre.
- Vanessa Rachlé / TT