Letztes Update am Di, 26.11.2019 06:20

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Unschätzbarer Kunstraub

„Art Weltkulturerbe“: Was wir über den Dresdner Juwelendiebstahl wissen

In der Nacht fällt rund um das Dresdner Residenzschloss der Strom aus. Im Schutz der Dunkelheit dringen zwei Täter in das Grüne Gewölbe ein und stehlen die wohl bedeutendsten Juwelengarnituren Europas. Ein Überblick über den derzeitigen Stand der Dinge.

Die Schatzkammer in Dresden ist ein Tourismusmagnet, in acht Kabinetten sind etwa 3000 Kunstwerke ausgestellt.

© Die Schatzkammer in Dresden ist ein Tourismusmagnet, in acht Kabinetten sind etwa 3000 Kunstwerke ausgestellt.



Dresden – Bei einem der spektakulärsten Einbrüche der vergangenen Jahrzehnte haben in Dresden Unbekannte aus der berühmten Schatzkammer Grünes Gewölbe Kunstschätze von kaum messbarem Wert gestohlen. Vermutlich zwei Täter stiegen am Montagmorgen über ein Fenster in das Residenzschloss in der Dresdner Altstadt ein. Was bisher bekannt ist – und was nicht:

➤ Wie genau lief der Juwelendiebstahl ab?

Die Täter drangen am frühen Morgen durch ein Fenster in das Residenzschloss ein, in dem sich das Grüne Gewölbe befindet. Dazu durchtrennten sie zunächst das Gitter vor dem Fenster und schlugen anschließend die Scheibe ein. Überwachungskameras zeigen, dass die beiden Täter zielsicher auf die Vitrine mit den Juwelen zusteuerten und diese zertrümmerten. Mit der Beute flüchteten sie dann wahrscheinlich wieder durch das Fenster, durch das sie eingestiegen waren und entfernten sich mit einem Auto vom Tatort.

Möglicherweise kappten sie vor der Tat die Stromzufuhr zu den Staatlichen Kunstsammlungen. Das wird vermutet, weil kurz zuvor unter der Augustbrücke ein Stromkasten brannte und der Strom daraufhin rund um das Residenzschloss ausfiel. Straßenlaternen gingen aus, der Tatort lag somit in völliger Dunkelheit.

Eine Mitarbeiterin der Spurensicherung geht hinter einem Absperrband vor dem Residenzschloss mit dem Grünen Gewölbe entlang.
Eine Mitarbeiterin der Spurensicherung geht hinter einem Absperrband vor dem Residenzschloss mit dem Grünen Gewölbe entlang.
- dpa-Zentralbild

Die Täter hatten nach Polizeiangaben zuvor das Gitter eines Fensters durchtrennt, waren ins Juwelenzimmer gegangen und hatten dort zielsicher die Vitrine mit Brillant- und Diamantschmuck geplündert. „In Gänze dauerte die Tat nur wenige Minuten“, hieß es am Abend im Polizeibericht. Die Täter seien im Pretiosensaal eingestiegen und durch das Wappenzimmer zum Tatort gegangen. „Sie müssen sich ausgekannt haben“, sagte Museumsdirektor Dirk Syndram.

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Um 4.59 Uhr beobachtete der Sicherheitsdienst den Raub auf den Überwachungskameras und meldete der Dresdner Polizei den Einbruch. Bereits fünf Minuten später traf eine Polizeistreife am Grünen Gewölbe ein, wenige Minuten später fahndeten 16 Streifenwagen nach den Verdächtigen – bislang erfolglos. Nur zehn Fahrminuten vom Tatort entfernt entdeckte die Polizei allerdings einen ausgebrannten Audi A6, bei dem es sich um den Fluchtwagen handeln könnte.

➤ Was wurde gestohlen?

Unter den gestohlenen Stücken sind nach Angaben der Staatlichen Kunstsammlungen (SKD) einige der kostbarsten Stücke der Juwelensammlung aus dem 18. Jahrhundert. Dabei handelt es sich um prominente Kunstwerke der Diamantrosen- und Brillantgarnitur sowie des Brillantschmucks der Königinnen wie Kleinod und Bruststern des polnischen Weißen Adler-Ordens, die Große Brustschleife, eine Kette aus sächsischen Perlen, eine Epaulette (Schulterstück) und ein mit über 770 Diamanten besetzter Degen.

Die Schmuckstücke bestehen insgesamt aus knapp hundert Einzelteilen, darunter zahlreiche Steine, die im 18. Jahrhundert geschliffen wurden. Auch mit Rubinen, Smaragden und Saphiren besetzte Knöpfe, Schnallen und Orden zählen zu dem Ensemble.

➤ Wie hoch ist der Schaden?

Der materielle Schaden lässt sich nicht genau beziffern. Für die Schäden haftet der Freistaat, eine eigene Versicherung gibt es nicht. „Wir können es gar nicht in Wert auflösen, da es unverkäuflich ist. Es gibt keinen finanziellen Wert, mit dem wir arbeiten“, sagte die Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen, Marion Ackermann. Der Materialwert der Schmuckstücke allein ist demnach nicht besonders hoch. Der immaterielle und kulturelle Wert des intakten Ensembles ist jedoch immens. Der Direktor des Grünen Gewölbes, Dirk Syndram, bezeichnete die Juwelen als eine „Art Weltkulturerbe“. Nirgendwo sonst in Europa gebe es eine Juwelengarnitur in dieser Form und Qualität. SKD-Generaldirektorin Marion Ackermann sprach von einem „Staatsschatz“.

➤ Können die Diebe die Juwelen verkaufen?

Als Ganzes können die Täter die Schmuckstücke wohl nicht weiterverkaufen – dafür sind sie viel zu berühmt. Ackermann hofft, dass sie aufgrund der „internationalen Bekanntheit“ dem Kunstmarkt entzogen werden. Experten zufolge ist der Verkauf gestohlener Diamanten auf dem freien Markt ohnehin extrem schwer. Händler im Diamantenhandelszentrum Antwerpen etwa sind eng vernetzt und haben über eine Datenbank Zugriff auf Angaben zu gestohlenen Steinen weltweit. Auch wenn die Schmuckstücke in ihre Einzelteile zerlegt würden, würde ein Diamant unbekannten Ursprungs aufgrund der alten Schleiftechnik auf. Zudem behalten die Dresdner Stücke nur als Ganzes ihren einzigartigen Wert.

➤ Wer könnte hinter der Tat stecken?

Am Abend veröffentlichte die Polizei das Überwachungsvideo aus dem Juwelenzimmer: Auf dem Schwarz-Weiß-Film ist zu sehen, wie zwei Männer mit Taschenlampen den Raum betreten. Einer von ihnen, mit einer Kapuze auf dem Kopf, schlägt mit einer Axt auf die Scheiben der Vitrine ein und versucht, sie aufzubrechen.

Die Ermittler schließen nicht aus, dass noch weitere Täter beteiligt gewesen sein könnten. Eine zehnköpfige Sonderkommission namens „Epaulette“ fahndet nach ihnen. Gleichzeitig stehen die Beamten im Kontakt mit der Berliner Polizei, um Zusammenhänge oder ähnliche Tatmuster zum Raub im Berliner Bode-Museum 2017 zu überprüfen. Damals steckte mutmaßlich ein Berliner Clan hinter der Tat, mehrere Mitglieder stehen derzeit vor Gericht. Ob die Spur auch im Dresdner Fall in diese Richtung führt, wollte die Berliner Polizei bislang nicht bestätigen.

➤ Was ist das Grüne Gewölbe?

Das Grüne Gewölbe ist die historische Museumssammlung der Schatzkammer des Dresdner Residenzschlosses, die Kurfürst August der Starke zwischen 1723 und 1730 anlegen ließ. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Räume zerstört und später prachtvoll rekonstruiert. Es handelt sich um eine der reichsten Schatzkammern Europas – rund 3000 Schmuckstücke und andere Meisterwerke aus Gold, Silber, Edelsteinen und Elfenbein sind hier ausgestellt. Eines der wertvollsten Stücke ist der Grüne Diamant mit 41 Karat. Er wird momentan allerdings als Leihgabe im Metropolitan Museum of Art in New York gezeigt.

➤ Ist die Ausstellung weiter geöffnet?

Das Dresdner Residenzschloss ist nach dem Einbruch für Besucher geschlossen. Am Eingang weist derzeit ein Schild auf Deutsch und Englisch darauf hin, dass das Museum aus „organisatorischen Gründen“ nicht zugänglich ist. Laut Polizei wird es voraussichtlich am Mittwoch wieder geöffnet. Aber: „Es ist noch unklar, ob wir das wirklich machen können“, so Generaldirektorin Ackermann. Nach dem Einbruch soll nun jedenfalls das Sicherheitskonzept überprüft werden. Die Räume des Grünen Gewölbes galten bis dato als streng gesichert.

➤ Welche spektakulären Kunstraube gab es in der Vergangenheit?

Als spektakulärster Kunstraub der Geschichte gilt bis heute der Einbruch ins Gardner Museum in Boston im März 1990. Damals ließen sich die als Polizisten verkleideten Täter das Museum von Wachmännern aufschließen und nahmen 13 Gemälde mit, deren Wert auf 500 Millionen Dollar geschätzt wird. Sie sind bis heute verschwunden. Auch in Deutschland machte vor zwei Jahren ein Kunstraub Schlagzeilen: Im März 2017 wurde aus dem Bode-Museum auf der Berliner Museumsinsel eine hundert Kilogramm schwere Goldmünze gestohlen. Die Polizei vermutet, dass die „Big Maple Leaf“ zertrümmert, eingeschmolzen und das Gold anschließend verkauft wurde. Seit Jänner stehen die mutmaßlichen Diebe vor Gericht. Und der Raub der Juwelen erinnert viele Dresdner an einen ähnlichen Coup im Jahr 1977. Damals wurde der Sophienschatz aus dem Dresdner Stadtmuseum gestohlen. Teile davon sind bis heute verschollen. (TT.com, dpa, AFP)